00:10
Herzlich willkommen zum SF-Krimi-Podcast. Mein Name ist Wolfram Höll. Bei mir ist der Mensch, über den ich sagen möchte, Frauen und Mörder machen die komischsten Sachen. Susanne Jansson.
00:23
Hallo Wolfram, freue mich ja, dass du gleich selber lachst über dein Wissen, das ich noch nicht habe. Frauen und Mörder machen die komischsten Sachen.
00:31
Deswegen habe ich dich extra diesmal als Mensch angesagt, weil dann kannst du dir selber überlegen, in welche Kategorie du fallen möchtest.
00:36
Achso, stimmt, weil es gibt ja nur die Unterscheidung in Frauen und Mörder in der Welt. Ich hänge natürlich sofort bei Gift, Wolfram, weil Frauen, wenn sie morden, wird ja oft gesagt, dass sie das nur mit Gift können oder tun. Aber das ist ja jetzt in dem Sinne nicht komisch.
00:53
Erhelle mich.
00:54
Du, das ist wie immer ein Zitat aus unserer Hörspaiserie, die fünf toten alten Damen.
01:01
Echt?
01:01
Ja.
01:03
Ja natürlich, ich erinnere mich, gleich zu Beginn wird das aufgebaut, weil wir wissen ja jetzt, es muss wirklich Mord vorliegen bei den fünf toten alten Damen, bis jetzt vier toten alten Damen.
01:13
Das ist so, bei Gift könnte man vielleicht noch sagen. Versehen. Versehen, Medikament, Überdosierung, was auch immer.
01:19
Eben, das ist ja noch nicht ganz klar. Wir haben ganz unterschiedliche Versionen der Tode.
01:23
Genau, aber jetzt starten wir mit der vierten toten alten Dame und die wurde wirklich erstochen mit der eigenen Brosche. Und das heißt, hier ist ein Mörder am Werke.
01:34
Sie wurde nicht nur erstochen, sondern der Polizist Nogis wird das noch ausführen. Es wird noch brutaler und das haben wir beim letzten Mal ja auch bemerkt, dass am Anfang von nicht mal der Hauch oder nur der Hauch eines Verdachts, dass ein unnatürlicher Tod vorliegen könnte, steigen wir jetzt mit Schüssen durchs Telefon und ein Opfer, das erstochen wurde, wirklich in blutige Niederung hinab.
02:01
Es wird ernst. Es wird auch tatsächlich so viel, kann ich schon spoilern, ein bisschen weniger flotte Sprüche geben als sonst.
02:08
Das hängt vielleicht miteinander zusammen.
02:11
Ansonsten gibt es aber auch, wie immer, eine schöne Einleitung von unserem Protagonisten Dr. Klein, der noch mal erzählt, wo wir in der Geschichte stehen. Deswegen wünschen wir viel Vergnügen beim vierten Teil der fünf toten alten Damen von Hans Krol. Viel Spaß.
02:51
Da lag Dorothea Lindemann, die vierte tote alte Dame.
02:58
Und diesmal war es kein Zufall. Diesmal war es Mord. Dorothea Lindemann war erstochen worden. Mit ihrer eigenen Hutnadel. An ihrem Geburtstag. Jemand war hinter den fünf alt gewordenen jungen Mädchen her. Vier waren nun tot. Aber jetzt erst war es wirklich klar, dass es einen Mörder gab. Eine lebte noch. Agnes Lenzem.
03:27
Es musste ihr nicht wohl sein in ihrer Haut. Wann würde der Mörder zu ihr kommen? Und warum? Wer konnte ein Motiv haben, vier alte Damen umzubringen? Ich wusste es nicht. Und die alte Frau, neben deren Bett ich saß, konnte es mir nicht mehr sagen. Mechthild sprach zuerst.
03:51
Und was jetzt?
03:53
Ich meine, müssen wir nicht
03:57
Gehen wir, Mechtelt. Tun können wir nichts mehr. Und anfassen dürfen wir nichts.
04:03
Ja, gehen wir. Niemand kann ihr mehr helfen.
04:07
Wir müssen die Polizei holen. So schnell wie möglich. Können Sie das machen?
04:13
Ja.
04:14
Ich möchte nicht gerne hier weggehen. Vielleicht kommt noch jemand und stöbert herum.
04:20
Ein paar Ecken zurück war eine Telefonkabine. Gehen Sie hin und rufen an. Es ist besser, als das Haus zusammen zu trommeln.
04:26
Ich gehe.
04:27
Schön. Hier ist die Nummer. Das ist mein Freund, der Kommissar von der Mordkommission. Vielleicht kommt er selber. Und dann kommen Sie wieder her. Wir müssen unsere Aussage machen.
04:40
Ich weiß.
04:43
Keine Angst. Rufen Sie ihn an. Sie kennen ihn ja.
04:48
Diesmal wird er auch nicht fragen, wie sie aussehen.
04:51
Er weiß es ja inzwischen.
04:53
Sie sahen in den Spiegel und fuhr durch ihr Haar. Dann ging sie schnell zur Tür, blieb noch einmal stehen und drehte sich um. Ich winkte ihr zu.
05:01
Wenn jemand kommt, seien Sie vorsichtig, bitte.
05:06
Bin ich.
05:07
Bis gleich.
05:10
Ich stand noch, als sie fort war und freute mich und wusste nicht genau, warum.
05:17
Dann saß ich im Wohnzimmer auf einem der Plüschsessel. Ich hörte das gleichmäßige Ticken der Standuhr. Sie hätte jetzt stehen bleiben müssen, im Märchen. Ich dachte an einen Wellensittich, der im Schlafzimmer vor der Toten saß. Was hat er gesehen und wen? Wann war es passiert? Heute? Gestern? In der Nacht? Wie war der Mörder hereingekommen? Warum musste ich in so eine Geschichte geraten?
05:47
Ich nahm eine Zigarette heraus und zündete sie an. Sie schmeckte nicht, aber ich hatte etwas zu tun mit meinen Händen. Acht Minuten waren vorbei, seitdem Mechthild gegangen war. Da hörte ich Schritte auf der Treppe, nicht ihre Schritte. Sie waren leicht, fast leichter als die eines Mädchens, aber gleichmäßig, ohne Überschwang und Hast jemand, der Zeit hatte und doch genau wusste, was er wollte.
06:14
Die Schritte klangen auf dem unteren Treppenabsatz, ohne zu verhalten. Noch dreißig Stufen zwischen mir und ihnen. Das Montiereisen lag auf dem Teppich. Ich nahm es auf. Das Eisen kühlte meine Handfläche und beruhigte mich wie ein Freund, der einem Mut macht. Ich zog die Wohnzimmertür heran, bis auf einen Spalt, durch den ich sehen konnte. Der Flur lag im Halbdunkel, und hinter mir war es hell, günstig für einen Angreifer, wenn es einer war. Ich atmete flach und lautlos und wartete...
06:43
Die Klingel schrillte neben meinem Ohr wie eine Dampfpfeife. So wenig war ich auf diese Möglichkeit gefasst gewesen, dass ich beinahe das Eisen fallen ließ. Ein Mörder, der zurückkam und klingelte? Kaum.
06:56
Es klingelte zum zweiten Mal. Dann wurde vorn der Türflügel zurückgestoßen. Das Licht fiel vom Treppenhaus her gegen die Öffnung. In dem hellen Rechteck stand eine Gestalt, die ich kannte. Klein, mit mächtigem Schädel. Die rechte Hand ruhte auf einer Schirmkrücke. Die linke hielt einen Strauß Blumen. Und die Konturen ihrer Blüten zeichneten sich scharf gegen den Hintergrund ab. Der Professor, Schopenhaucher der Zweite, Langsam öffnete ich die Wohnzimmertür, trat einen Schritt nach links auf die Schwelle und blieb stehen.
07:32
Der Rektor rührte sich nicht. Keine Bewegung des Erschreckens war an ihm zu sehen. Aber ich fühlte, wie seine Augen sich zu mir herbohrten über die Länge des Flurs.
07:43
Was tun Sie hier?
07:46
Guten Tag, Herr Professor.
07:48
Ich habe Sie etwas gefragt.
07:51
Dasselbe wie Sie, Herr Professor. Gratulieren.
07:56
Außerdem war ein Krankenbesuch zu machen. Jetzt warte ich auf die Polizei. Wer hat diese Tür aufgebrochen? Ich. Sie? Warum? Ich habe befürchtet, dass Frau Lindemann etwas zugestoßen ist.
08:10
Und?
08:13
Sie ist tot.
08:15
Ah. Sie ist tot. Kann ich Sie sehen? Wo ist sie?
08:24
Wenn Sie nicht erschrecken, Herr Professor. Ich erschrecke niemals, mein junger Freund.
08:30
Ich ging vor ihm her zur Schlafzimmertür. Er blieb in der Öffnung stehen. Ich sah noch einmal über seine Schulter, was ich schon gesehen hatte. Die Tote. Die Mordwaffe. Die Hutnadel mit dem gläsernen Pferd. Er stand mit gesenktem Kopf. Aber ich ahnte, dass seine Augen jede Einzelheit wahrnahmen und festhielten wie eine Filmkamera.
08:54
Oder hatte er schon gewusst, was er sehen würde?
09:01
Er berührte nichts und tat keinen Schritt weiter in das Zimmer. Es sah so aus, als ob er immer nur das Notwendige täte und immer nur das Richtige.
09:11
Er drehte sich um, um das Zimmer zu verlassen.
09:13
Wollen wir uns in das Wohnzimmer setzen? Meine Sprechstundenhilfe ruft die Polizei. Sie muss gleich hier sein. Bitte, gehen Sie voran.
09:21
In diesem Augenblick knarrte hinter uns die Korridortür. Unsere Blicke schnellten gleichzeitig herum. Eine dunkle Gestalt stand im Türrahmen, wie vorhin der Rektor, aber schmaler und höher. Ein Todesengel, der lautlos gekommen war. Diesmal schlug mein Herz einen kurzen Wirbel zum Halse hinauf. Ich ärgerte mich darüber. Die verdammte Wohnung fing an, mir auf die Nerven zu gehen.
09:48
Bevor ich irgendetwas tun konnte, schnachte die Stimme des Rektors den Flur hinunter.
09:53
Guten Tag, Agnes!
09:56
Im gleichen Tempo, in dem er gekommen war, schritt er zum Eingang zurück. Ich folgte ihm zögernd, bis auch ich erkannte, wer da stand. Agnes Lenzem, die erste von den alten Damen, die ich gesehen hatte, und die letzte, die nun übrig war.
10:11
Sie machte genau den gleichen Eindruck auf mich wie damals. Schwarzes Kleid mit kurzem, leichtem Übermantel und Handschuhen, alles in schwarz. Über dem Marzipangesicht das weiße Haar, sorgfältig aufgesteckt und darauf ein ebenso schlichter wie teurer Hut, ganz anders als der von der armen Dorothea. Eine Großfürstin, die eine Nebenlinie des regierenden Hauses besucht. Sie blickte uns an mit gezügelter Verblüffung.
10:38
Walter!
10:41
»Du? Und Herr Doktor Klein?
10:48
Wo ist Dorothea?« »Am besten, du kommst mit uns ins Wohnzimmer, meine Liebe.« Er fasste sie unter den Arm und führte sie nach hinten.
10:57
Ich folgte wie ein Lakai. Im Wohnzimmer wies uns der Rektor die Plätze an.
11:02
Agnes setzte sich wie auf einen Thronsessel. Sie hatte ein Päckchen bei sich und legte es auf den Tisch. Mit allen unseren Geschenken war es jetzt schon eine richtige Geburtstagstafel. Aber niemand war da, der sich darüber freuen konnte.
11:18
Wo ist Dorothea?
11:21
Sie liegt im Schlafzimmer, Agnes.
11:22
Im Schlafzimmer?
11:27
Ja, warum denn?
11:31
Du wirst ihr nicht mehr gratulieren können.
11:33
Seine Raubvogelaugen ließen nicht von ihrem Gesicht während dieser Worte. Ich hatte den ganz flüchtigen Eindruck, als brächte es ihm geheimen Spaß, sie zu erschrecken. Agnes fasste nach der Lehne ihres Stuhles, aber sie saß aufrecht.
11:49
Was? Was ist mit dir?
11:55
Sie ist tot, Agnes. Man hat sie umgebracht.
12:01
Du brauchst nicht mehr hinzugehen. Bleib hier.
12:05
Es ist besser, Sie bleiben hier, Frau Lenzem. Sie können mir wirklich nicht mehr helfen.
12:10
Nein, das kannst du nicht mehr.
12:13
Es blieb ganz still. Agnes saß aufrecht wie eine Statue, mit weißem Gesicht. Der Rektor hielt seinen Schirm wie ein Schwert. Ich rührte mich nicht. Eine gespenstische Versammlung im Wohnzimmer einer Toten. Dann hörten wir fernen Lärm im Treppenhaus. Auf den Stufen erklangen viele schwere Schritte. Fast war ich froh, als sie auf dem Gang näher kamen. Ich sah den Indianerkopf von Daniel Noges. Hinter ihm stand Mechthild. Daniel vollführte eine knappe Verbeugung.
12:45
Kommissar Noges.
12:46
Daniel, das ist Frau Lenzem. Herr Dr. Wiebach.
12:51
Ich bedauere, dass ich Sie auf diese Art kennenlernen muss, meine Herrschaften. Es freut mich trotzdem, ungemein Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Kommissar.
12:59
Daniel nickte stumm. Dann musterte er unsere Mitbringsel.
13:03
Gratulanten. Wie? So ist das. Gut, meine Herrschaften, bitte warten Sie hier auf mich. Ich habe zuerst draußen noch zu tun.
13:14
Er ließ Mechthild an sich vorbei ins Zimmer und schloss die Tür. Niemand sprach. Alle lauschten wie den Geräuschen und den gedämpften Stimmen, die von draußen hereindrangen. Jetzt waren sie bei der Toten.
13:28
Daniel sah, daß ich Recht gehabt hatte, aber ich war nicht froh darüber. Sicher hatte er Mechthild an der Telefonkabine aufgegabelt, und sie hatte ihm alles erzählt. Was würde jetzt passieren? Was für Gedanken hatte der Alte in seinem Schopenhauer-Schädel? Und wie war Agnes zumute, der letzten von fünfen? Der Perpendikel der Standuhr bewegte sich wie durch Leim. Unsäglich langsam krochen die Zeiger vorwärts.
13:57
Ich dachte an die Patienten, die ich noch besuchen sollte. Eine knappe Viertelstunde saßen wir so, wie Zuschauer, die auf den Gong zum letzten Akt warteten. Dann kam Daniel wieder. Nichts von der gewohnten Albernheit war in seinem Gesicht. Ich hatte ihn schon erlebt, wenn er auf einer Fährte war. Aber noch nie war ich selbst mit drin gewesen.
14:16
Wer von Ihnen...
14:19
War nach Dr. Klein zuerst da? Ich, Herr Kommissar. Wann sind Sie gekommen? Es war um 15.10 Uhr. Und du? Gegen halb drei. Wann sind Sie gekommen, Frau Lansom?
14:33
Ich... Ich weiß nicht.
14:36
Frau Lansom kam etwa fünf Minuten nach mir. Dr. Klein und ich standen noch auf dem Flur.
14:42
Ja, ja. Ich bin vorhin erst.
14:46
Aber...
14:49
Ich war schon einmal da.
14:51
Haben Sie unten gefragt?
14:55
Ja, ich... Wann? Och, es muss gegen Mittag gewesen sein. Ich hatte in der Stadt gegessen und dann bin ich hergefahren. Ich wollte Dorothea überraschen, aber sie hat nicht aufgemacht. Eigentlich wollte ich ja erst später... Ja?
15:20
Ich habe ein paar Mal geklingelt und dann bin ich hinuntergegangen und habe unten gefragt.
15:27
Was haben Sie erfahren?
15:29
Die Dame wusste von nichts.
15:32
Sind Sie oft hierher gekommen?
15:34
Ich habe... Sie haben uns immer mal gegenseitig besucht. Sehr oft nicht, wenn Sie das meinen.
15:45
Und Sie, Herr Dr. Wiebach?
15:47
Ich bin nur wenige Male hier gewesen, Herr Kommissar, aber zu den Geburtstagen von Frau Lindemann regelmäßig.
15:56
Frau Lindemann wurde aller Wahrscheinlichkeit nach von jemandem ermordet, den sie gut kannte. Sie ließ ihn dicht an sich heran, ohne sich zu wundern. Der Mörder betäubte sie durch einen Schlag auf die Schläfe, mit einem Messingleuchter. Dann stieß er ihr die Hutnadel in die Brust.
16:14
Agnes schlug beide Hände vor das Gesicht. Ich fürchtete, sie würde vorn überfallen und wollte sie stützen, aber sie schwankte nur und hielt sich aufrecht. Wir alle hatten es gewusst. Nur sie nicht.
16:28
Sie haben die Tote nicht gesehen, Frau Lansom.
16:33
Und Sie, Herr Dr. Wiebach?
16:35
Ich habe Sie gesehen. Es war mein Wunsch. Warum? Ich bin immer zu Ihren Geburtstagen hergekommen. Ich kenne Sie seit über 50 Jahren. Ich war Lehrer in Ihrer Klasse. Ich wollte Abschied nehmen von ihr.
16:50
Daniel betrachtete ihn mit einem langen, nachdenklichen Blick. Dann griff er in seine Brusttasche. Als er die Hand rauszog, sah ich das Bild vom Nachttisch. Die fünf jungen Mädchen.
17:03
Ist das die Klasse?
17:06
Es ist ein Teil davon.
17:09
Frau Lansson, wo sind Sie?
17:16
Das zweite Mädchen von links.
17:19
Und Frau Lindemann?
17:22
Wir. Die Letzte. Die Letzte.
17:28
Die erste Tote von den Fünften war Ihre Schwester, Herr Dr. Wiebach, die zweite Ihre Frau Lansom. Die dritte war die Tante von Frau Langroth. Bis dahin schien es keinen Mörder zu geben. Heute wissen wir, dass es einen gibt. Wir müssen annehmen, dass diese Todesfälle in einem Zusammenhang stehen. Und nun finde ich es in der Zeit, dass Sie mir diesen Zusammenhang verraten. Den Grund, warum es einen Mörder gibt, Ich erfahre es spätestens morgen von Rechtsanwalt Kompächer.
18:01
Mir ist es lieber, ich erfahre es jetzt. Ich glaube, wir müssen es sagen, Agnes. Es ist spät genug.
18:13
Agnes veränderte ihre Haltung nicht. Irgendetwas von Abwehr war darin. Als sie aufsah, wusste ich, was es war. Auch Daniel hatte es gespürt.
18:22
Fräulein Groß ist eine Verwandte ihrer Schulfreundin, Frau Lansom. Dr. Klein ist ihr Hausarzt.
18:29
Er hat sich schon beim Tod ihrer Schwester Gedanken gemacht, als noch niemand Böses ahnte.
18:34
Wieder fing ich einen der schnellen, faunischen Blicke des Rektors auf und dachte an meinen Besuch bei ihm. Wenn einer Böses geahnt hatte, dann er.
18:44
Sie haben beide ein gewisses Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren, und ich weiß, dass Sie niemandem ein Wort davon erzählen werden. Soll ich es tun, Agnest?
19:01
Nein. Ich tue es selbst. Die Angelegenheit ist einfach. Wir fünf haben seit langer Zeit zusammen Toto gespielt. Früher war es die Lotterie, aber als das Toto aufkam, gefiel es uns besser und wir fingen damit an. Vor einem halben Jahr haben wir 250.000 Franken gewonnen.
19:36
Es war heraus, die einfachste Sache der Welt. Fast fühlte ich Enttäuschung nach aller Neugierde. Ich hatte an Erbschaft gedacht, an Rache, an ein altes Geheimnis, das weit zurücklag und uns jetzt verfolgte. Toto gewinnt.
19:55
Ich konnte mir vorstellen, wie Dorothea ihren Anteil ängstlich gehütet hatte, wie ein Schatz im Kellergewölbe.
20:01
Jeder bekam 50.000?
20:04
Ja.
20:05
Und bei Todesfällen?
20:08
Geht der Anteil auf die anderen über.
20:14
Nicht auf Angehörige?
20:16
Nein. Erst wenn alle...
20:21
Sie sprach nicht weiter.
20:23
Alle dachten wir dasselbe. Eine großartige Bestimmung für den Mörder.
20:29
Wer weiß von dem Gewinn?
20:31
Nur wir. Ich und du, Walter. Ich meine Herrn Dr. Wiebach und Dr. Chrom Pecher, unser Anwalt.
20:46
Sie haben keinem anderen Menschen etwas erzählt?
20:48
Keinem.
20:50
Und Sie, Herr Dr. Wiebach?
20:52
Nein, Herr Kommissar.
20:54
Keinem. Blieben nur die anderen, die Toten. Irgendwo war ein Riss in diesem Netz der Verschwiegenheit. Daniel tat etwas Unerwartetes. Er fragte Mechthild, schnell und ohne Einleitung.
21:10
Haben Sie etwas davon gehört, von Ihrer Mutter?
21:13
Ich? Nein, niemals. Tante Bertha hat auch nie etwas gesagt. Nein.
21:20
Er fragte nicht weiter.
21:23
Draußen erklangen jetzt wieder leise Stimmen und Schritte. Sie trugen Dorothea hinaus, die sterben musste, weil sie gewonnen hatte. In die Stille unserer reglosen Runde klang ein Rascheln vom Kleid der alten Dame. Sie hatte sich ganz umgewandt zu Daniel. Ihre weißen schmalen Hände umklammerten die Seitenlehne des Sessels, und die Furcht starrte aus ihrem Gesicht.
21:47
»Ich habe solche Angst!«
22:04
15 Minuten später fuhren wir den Weg zurück, den wir gekommen waren. Der Himmel war jetzt dunkler und die Straße trostloser, als läge ein Schatten über allem.
22:19
Es ist alles so furchtbar.
22:21
Und jetzt noch Besuche.
22:23
Besser als Sprechstunde. Ich bin ganz erledigt.
22:27
Kann ich mir vorstellen. Eine teuflische Geschichte. Und der Teufel ist noch dabei.
22:34
Glauben Sie, dass Tante Bertha auch... Möglich.
22:39
Es kann aber auch Zufall gewesen sein.
22:41
Zufall?
22:43
Ja. Zufälle, die jemand ausgenutzt hat. Haben Sie jemals den Eindruck gehabt, dass Ihre Tante sich fürchtet?
22:51
Nein, nie. Fürchten lag ihr nicht.
22:54
Und von dem Geld hat sie nichts erzählt?
22:57
Nein, sie erzählte nie etwas von Ihren Angelegenheiten.
23:02
Haben Sie Angst, Mechtelte?
23:05
Manchmal, ein bisschen. Es war schon fast vorbei. Vielleicht geht es wieder los.
23:11
Machen Sie sich keine Sorgen. Niemand passiert etwas, solange Agnes nichts passiert. Und jetzt sitzt die Polizei dahinter. Und Daniel.
23:19
Haben Sie eine Ahnung, wer es ist?
23:23
Nein, keine.
23:26
Wohin fahren Sie denn?
23:27
Zu Ihnen nach Hause.
23:28
Und die Besucher, der Verband?
23:30
Mach ich allein.
23:32
Nein, ich möchte mit.
23:33
Ich denke, Sie sind erschlagen.
23:36
Trotzdem.
23:39
Wir schafften alles ein bisschen schneller als sonst. Aber es war Abend, als ich vor Mechthilds Haus stoppte. Sie machte keine Anstalten auszusteigen.
23:49
Wo essen Sie denn?
23:51
Zu Hause.
23:53
Ich könnte uns etwas machen. Das macht gar keine Umstände, wirklich.
23:59
Das ist nett von Ihnen, Mechthild. Aber Bruder Daniel kommt heute noch zu mir Machen wir es ein andermal. Wenn alles vorbei ist.
24:09
Ja, wenn alles vorbei ist.
24:13
Und noch etwas möchtet. Dem Mörder wird es jetzt etwas wärmer werden unter seinem Hintern. Vielleicht wieder nervös. Wenn irgendetwas passiert, was Ihnen komisch vorkommt. Sagen Sie es mir sofort? Zu jeder Tages- und Nachtzeit?
24:33
Ja.
24:34
Versprechen Sie es?
24:34
Ja.
24:37
Als dann. Gute Nacht. Schlafen Sie ruhig.
24:42
Sie auch.
24:50
Ich sah ihr nach. Sie ging durch die Porte und den Sandweg entlang. An der Tür winkte sie. Ich winkte zurück und überlegte mir, wie ich es aushalten sollte, wenn ich sie niemals wiedersehen würde.
25:05
Musik
25:16
In meiner Wohnung war es einsam und still. Es klingelte kurz nach acht. Daniel kam. Er warf sich im Wohnzimmer auf einen Stuhl.
25:26
Na, sag schon, siehst du zu mir. Sag ich nicht. Also, was war los? Ich habe deinen Kompbecher heimgesucht. Stimmt alles. Jede 50.000. Stirbt eine, wird ihr Anteil aufgeteilt.
25:43
Und warum hat er überall nach den Todesursachen gefragt?
25:46
Das ist Routine. Das macht er immer in solchen Fällen. Er hat böse Erfahrungen, sagt er.
25:50
Jetzt hat er eine mehr.
25:54
Also er war ganz schön erschüttert, trotz seiner beherrschten Haltung. Er hat mir den ganzen Papierkram gezeigt. Außerdem bedauert er, aber er bittet dich um Verständnis dafür, dass er bei deinem Besuch so zugeknüpft war.
26:05
Reizend. Und nun?
26:08
Und nun?
26:09
Nun kassiert Agnes, deine erste alte Dame.
26:13
Und die letzte? Wer kassiert, wenn sie auch ausfällt?
26:20
Es sind ein paar Erben da. Erstens der Herr Professor als Bruder der Musikpädagogin. Schopenhauer. Ja.
26:25
Er hat doch gewusst von dem Gewinn.
26:26
Hat er. Als Einziger. Als Einziger? Bis jetzt sieht es so aus. Sie haben alle dicht gehalten wie Gummigerlöschen.
26:32
Andere Erben sind nicht da.
26:34
Die Mama von deiner Mechthild? Und nach der sie selber? Ja.
26:39
Ja, und dann soll noch irgendein verscholterner Verwandter herumschweren, ein Neffe von Alma und dem Rektor, angeblich im Ausland, irgendwo bei den Azteken, niemand weiß es genau.
26:47
Aha, der große Unbekannte.
26:49
Ja.
26:52
Wenn der die Sache inszeniert hätte. Schon ein bisschen billig.
26:59
Was hat euer Doktor gesagt? Seit zwei bis vier Stunden war sie tot.
27:06
Dann war der Mörder der erste von uns.
27:08
Es sieht so aus. Er muss vor Agnes gekommen sein. Gegen zwölf. Und Dorothea hat gedacht, Agnes wäre es.
27:13
Wahrscheinlich.
27:15
Ja. Sie hat aber Agnes erst später erwartet.
27:20
Woher weißt du das?
27:22
Hat sie mir selbst gesagt. Sie wollten zusammen Kaffee trinken, gegen vier. Deshalb bin ich ja vorher hin, um zu sehen, ob sie aufstehen darf. Und Agnes sagte ja auch, dass sie überraschend kam das erste Mal.
27:32
Hm.
27:34
Jedenfalls hat sie den Mörder reingelassen. Es hat geklingelt und sie hat aufgemacht. Agnes war es nicht. Und ihr auch nicht. Und kein Mensch hat einen Fremden gesehen? Keiner. Im Vorderhaus nicht und die Alte im ersten Stock auch nicht. Könnte nur sein... Was? Zwischen Agnes und euch. Nach eins und vor halb drei. Warum hat sie dann Agnes nicht reingelassen? Sie wollte niemand reinlassen, der nicht zu einer bestimmten Zeit angemeldet war.
28:02
Agnes kam zu früh, der Mörder kam richtig. Möglich, dass sie dachte, du bist es.
28:10
Meinst du, sie hat was geahnt? Vielleicht. Ich sah vor mir alle Gesichter. Das von Agnes mit furchtigen Augen, das des Rektors mit dem Fornblick, dem nichts verborgen schien. Mechthils glitzernde Augen, Krompechers eisige Pupillen hinter der Brille.
28:29
Daniel saß wie vorher, zusammengerutscht und träge. Nur seine Augen lebten. Meine Gedanken schienen sich zu übertragen in sein Gehirn.
28:37
Einer ist es. Und sein Vorsprung ist verflucht groß. Krombecher? Der hat nicht viel davon. Nur dieser Neffe. Und der Rektor. Und Mechthilds Mama.
28:49
Und Mechthild selber.
28:51
Und Mechthild, ja.
28:53
Daniel!
28:54
Gestern kann sie es nicht gewesen sein. Sie nicht? Aber woher weiß ich, ob es nicht ein anderer tut für sie? Und woher weiß ich, dass du nicht dieser Neffe bist?
29:03
Das ist doch alles Blödsinn, Daniel. Ich kenne dich und ich kenne sie auch.
29:10
Wer kennt den anderen schon, Michael?
29:14
Ich wusste es. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich Mechthild liebte. Sie durfte es nicht sein.
29:21
Tja, mein guter...
29:23
Es ist eine vertrackte Geschichte.
29:27
Was tust du jetzt?
29:28
Ich grabe in der Vergangenheit herum. Vielleicht muss ich auch anderswo graben. Und Agnes? Die lassen wir nicht mehr aus den Augen. Niemanden lassen wir mehr aus den Augen.
29:53
Ich brachte meinen Wecker zur Ruhe und dachte wieder an Daniels Worte. Es war eine der wenigen Nächte gewesen, in denen ich schlecht geschlafen hatte. Die alten Damen waren nun auch mein Fall. Ich würde die Stunden zählen bis zu seinem Ende. Ich trank Tee und aß wenig, dann ging ich hinüber in die Praxis. Mir wurde viel besser, als ich Mechtelt sah.
30:21
Guten Morgen, Herr Doktor.
30:23
Morgen, Erbin.
30:25
Sie sollten sowas nicht sagen.
30:27
Nicht böse sein. Mir wäre lieber, es hätte dieses Geld nie gegeben.
30:33
Mir auch.
30:35
Ich suchte die Karte von Dorothea Lindemann heraus. Gerade ist angelegt, schon wieder zu Ende. Zwei Beratungen, ein Besuch. Ich schrieb das Datum hin und malte langsam das Kreuz dahinter. Meine Augen gingen zu Mechthild.
30:54
Warum zum Teufel konnte man nicht hineinsehen in die Menschen? Sie drehte sich um.
31:00
Ich habe die Spritzen fertig. Können wir...
31:02
Wir können.
31:03
Sind nur fünf Leute da bis jetzt.
31:06
Um elf klingelte das Telefon. Eine Stimme, die ich gestern gehört hatte. Agnes Lenzum. Sie sprach schnell, als wäre sie gelaufen.
31:15
Herr Doktor, kann ich noch zu Ihnen kommen?
31:19
Natürlich. Ist irgendwas?
31:22
Ach, nichts Besonderes. Es ist hier nur die Aufregung.
31:28
Ich glaube, das Herz... Kommen Sie gegen halb zwölf. Dann ist es leer und Sie brauchen nicht zu warten.
31:33
Vielen Dank, Herr Doktor. Ich werde pünktlich sein.
31:37
Während der nächsten halben Stunde überlegte ich, ob ich Daniel anrufen sollte. Ich ließ es sein. Es hatte Zeit bis nach der Untersuchung. Agnes kam, zerbrechlich und hoheitsvoll.
31:50
Jetzt, wo ich die 250.000 Franken hinter ihr wusste, hatte ich noch mehr Respekt. Sie sah besser aus als gestern, aber immer noch nicht gut genug. Sie war blass und schien wenig geschlafen zu haben. Wie ich.
32:05
Es tut mir so leid, dass ich Sie jetzt noch belästigen muss, Herr Doktor.
32:09
Ganz im Gegenteil. Ich muss Ihnen böse sein, weil Sie mich so wenig belästigt haben.
32:13
Ja, ja.
32:15
Es ging ja immer gut, wirklich.
32:17
Aber jetzt... Ich weiß. Was fehlt denn?
32:20
Ach, es ist sicher nur Einbildung. Aber ich habe manchmal solche Stiche. Und dann ist es, als ob es aussetzt.
32:32
Es war nicht nur Einbildung. Während ich sie untersuchte, musste ich an ihre Schwester denken.
32:38
Es war mir als ständig wieder in dem kleinen Zimmer mit der düsteren Blattpflanze und dem Baldrian-Geruch und horchte an einem Herzen herum, das nicht mehr schlug. Unsinn. Agnes lebte. Ihr Herz schlug. Wenn auch nicht so, wie er schlagen sollte.
32:55
Ist es schlimm?
32:56
Schlimm nicht. Das kriegen wir schnell in Ordnung.
32:59
Wirklich? Sie wissen doch, weil...
33:04
Jenny, weil Sie auch.
33:06
Keine Sorge, so weit lassen wir es gar nicht kommen. Sie kriegen ein paar schöne Spritzen von mir, nur für den Anfang. Dann stellen wir Sie um auf Tropfen und der Fall ist erledigt.
33:16
Spritzen? Ach, muss denn das sein? Die gehen doch immer so aufs Herz.
33:22
Das sollen Sie auch.
33:23
Nur wenn Sie meinen. Ich weiß ja, Herr Doktor, dass Sie mir nur helfen wollen.
33:30
Mechthild, Stroh für Frau Lenzem. Ja.
33:33
Aber nur ein Achtel. Für ein Viertel ist sie zu gesund.
33:37
Aber bitte schön vorsichtig.
33:39
Keine Angst, Frau Linsen. Ich gebe mir Mühe, so elegant wie möglich zu spritzen. Fertig, Frau Linsen. Sie werden sehen, wie gut das tut. Übermorgen wieder. Wenn was Besonderes passiert, gleich Bescheid sagen. Tun Sie das?
33:55
Bestimmt, Herr Doktor.
33:57
Fein. Und nun denken Sie nicht zu viel an die Geschichte. Das Herz will Ruhe haben.
34:03
Ach, das sagen Sie so. Ich will mir aber Mühe geben. Auf Wiedersehen, Herr Doktor.
34:10
Auf Wiedersehen, Frau Lenzel.
34:12
Auf Wiedersehen, volle Mechthild. Auf Wiedersehen, Frau Lenzel. Ich bringe Sie zur Tür.
34:17
Als Mechthild zurückkam und die Spritze holte, sah sie mich an.
34:25
Geht es jetzt bei ihr auch los?
34:27
Hoffentlich nicht. Sonst müssen Sie sich nach einem anderen Arbeitgeber umsehen.
34:31
Ich? Wieso?
34:34
Wenn der gute Daniel Noges so vor sich hindenkt, dann könnte er denken, der kleine Michel ist gar nicht so dumm, wie er aussieht. Das Mädchen Mechthild kriegt eines Tages eine Menge von dem Geld. Michel, dieser Unhold, räumt sacht die alten Damen aus dem Weg, eine nach der anderen. Zwischendurch ist er lieb und gut zu dem Mädchen Mechthild, bis sie so blöd ist und auf ihn hereinfällt. Sie schreitet mit ihm zum Traualtar und er hat Geld.
35:02
Und wenn sie sich nicht anständig beträgt, dann schickt er sie zu den alten Damen. Er ist Arzt, er kennt sich da aus. Vier hat er geschafft, eine ist noch da. Und die wird nun herzkrank, wie ihre Schwester.
35:15
Ist das wahr? Ist denn sowas... Nein.
35:20
Ein Polizist muss jede Möglichkeit ins Auge fassen. Dafür wird er schließlich bezahlt.
35:25
Ist die Idee nicht prima?
35:25
Wie können Sie so etwas sagen? Das ist doch völliger Blödsinn. Ebenso könnte er denken, ich wäre es gewesen.
35:31
Vielleicht denkt er das. Vielleicht denkt er auch, wir beide haben uns das zusammen ausgedacht. Groß und klein. Die Mördergesellschaft mit beschränkter Haftung.
35:40
Ich will nichts mehr hören. Wie kann ein Mensch nur auf sowas? Und außerdem sowas Dummes. Ich würde sie nie heiraten. Niemals.
35:49
Das ist auch unsere einzige Hoffnung. Solange wir das nicht tun, kann uns nichts passieren. Außerdem sind sie nichts für mich. Ich brauche etwas Sanftes, Mildes.
36:00
So wie Inge.
36:02
Wie welche Inge?
36:04
Als ich zum ersten Mal hier anrief, haben Sie mich mit Inge angeredet.
36:07
Haben Sie ein Gedächtnis? Aber Sie haben recht. Inge ist die Richtige. Blond und zierlich. Ein armes, aber sitzames Kind. Sie würde nie...
36:17
Das erinnert mich, dass ich den lieben Daniel anrufen muss wegen Agnes.
36:20
Vielleicht ist er es.
36:22
Dr. Klein?
36:23
Grüß dich, Helfer und Heiler. Wirkst du hemsig zum Wohle der Volksgesundheit?
36:28
Ich habe für heute ausgewirkt.
36:30
So. Und wie geht's der guten Tante Agnes? Was Ernstes?
36:36
Na? Ich wollte dich gerade anrufen. Agnes ist erst vor zehn Minuten raus.
36:41
Ich weiß, Herzbruder. Hast dir 20 Happen gespart. Bei mir geht's auf Amtskosten. Und? Und?
36:47
Ihr Herz ist nicht das Beste. Bisschen zu groß und bisschen zu holprig, aber nicht zum Erschrecken. Ich gebe ihr ein paar Strophspritzen für den Anfang, dann werden wir weitersehen.
36:56
Na, fein. Sei schön vorsichtig mit ihr. Wäre doch wirklich fatal, wenn sie unter deiner Behandlung... Ich meine, wenn sie... Ja, das wäre wirklich fatal. Auf bald.
37:10
Er ist wirklich so, wie Sie sagen.
37:15
Das Wunderliche an dem Kerl ist, dass man nie weiß, wann er Witze macht und wann ernst. Das war schon früher so. Wahrscheinlich braucht er das für seinen Beruf.
37:22
Wie kann er solche Witze machen? Sie sind doch sein Freund.
37:25
Das bin ich. Deswegen nehme ich ihm auch nicht übel, wenn er alle Möglichkeiten durchgeht und dabei auch mal auf mich stößt. Und jetzt will ich Sie was fragen, Mächtelt. Ja? Wollen wir zusammen Mittagessen?
37:41
Sie sind genau wie ihr Freund Daniel.
37:53
Es war eine Woche später, als ich an Mechtel die gleiche Frage stellte. Agnes war die Letzte gewesen und wir wollten eben das Sprechzimmer verlassen, als das Telefon uns nachschrillte.
38:04
Noch Kundschaft?
38:10
Mal hören.
38:15
Dr. Klein?
38:16
Grüß dich, Medizinmann.
38:18
Ach, der Herr Polizeipräsident persönlich. Gute Nachrichten. Bedeutend besser. Ich habe ihr heute die letzte Spritze gegeben. Ab morgen nimmt sie digitales Tropfen, zweimal drei.
38:30
Und das nennst du gute Nachrichten?
38:32
Na, hör mal. Soll ich ihr ein neues Herz einsetzen?
38:36
Michael, ich habe gegraben...
38:39
in der Friedhoferde gegraben nach alten Damen. Die Gerichtsmedizin hat sich mit ihnen beschäftigt, außer mit Dorothea, da war es nicht nötig. Alma, die Schwester von deinem Schopenhauer, hatte ihre Lungenentzündung, sonst nichts. Auch Bertha Scherf hatte nichts. Der Schreck lässt sich nicht mehr finden, wenn deine schöne Geschichte aus der Zeitung stimmt. Aber Jenny, der Zwilling, die hatte was in ihrem Herzmuskel. Digitalis.
39:06
Sehr viel Digitales. Zu viel. Und ab morgen nimmt ihr Schwesterchen dasselbe, wie ich höre.
39:12
Jetzt trifft mich der Schlag.
39:13
Erwarte damit. Heute früh hat Schopenhauer angerufen, unser verehrungswürdiger Rektor. Agnes will verreisen. Morgen in acht Tagen nach England. Sie hält es hier nicht mehr aus.
39:23
Kann ich ihr nachfühlen? Dann wird sie ja kaum ein Digitales auf einmal austrinken.
39:28
Kaum? Wenn du es hier nicht verordnet hast? Ja, pass auf, was anderes. Der gute Rektor hat Sorgen.
39:35
Er meint, etwas passiert noch, bevor Agnes weg ist. Und das in der letzten Nacht. Warum gerade dann weiß ich nicht, aber es war ihm nicht auszureden. Und jetzt werde ich sie umschweben in Schutzengel und mich in der letzten Nacht in ihr Schloss in der Kreuzallee hocken, damit es später nicht heißt, die Polizei hätte nicht aufgepasst. Man will schließlich auch mal befördert werden. Und wie ist das mit dir? Hast du nicht Lust mitzukommen? Der Arzt im Haus erspart den Totengräber.
39:58
Nicht immer. Aber wenn du meinst, es nützt etwas? Bitte sehr. Ich war schon lange nicht mehr bei so vornehmen Leuten.
40:03
Noch bei so Reichen. Außerdem ist der nächste Tag ein Sonntag, da kannst du ausschleifen.
40:07
Richtig. Sag mal, abgesehen von des Rektors Ängsten, glaubst du denn, der Mörder ist so nett und lässt sich am letzten Tag hier erwischen? Er kann ja auch nach England reisen.
40:20
Frauen und Mörder machen die komischsten Sachen.
40:38
Dieser Samstag kam schnell, aber er ging langsam vorbei. Vom Aufstehen an bemühte ich mich so zu tun, als wäre es irgendein Tag von vielen. Ich machte den Tee etwas stärker und las das Horoskop noch vor der Schlagzeile. Da stand Mut. Ihr Eingreifen löst manches Problem. Fast alles gelingt Ihnen, ausgenommen in Herzenssachen. Ehewünsche müssen Sie zurückstellen. Ehewünsche.
41:07
Während der Sprechstunde war ich nicht ganz bei der Sache. Mechthild merkte es. Ich hatte ja nichts erzählt von dem geplanten Einsatz. Aber Mädchen haben eine Witterung wie Rehe vor der Treibjagd.
41:17
Habe ich was falsch gemacht?
41:20
Was?
41:20
Sie hören gar nicht zu, aber ich was falsch gemacht habe.
41:24
Wieso?
41:25
Sie gucken so böse.
41:28
Hat nichts zu bedeuten. Ich habe überlegt, was ich heute Abend anziehe. Eingeladen? Meine zukünftige...
41:37
Oh. Dann aber nicht dieses Hemd.
41:41
Sie sieht mich mit ihren Augen. Ich kann anhaben, was ich will. Alles an mir ist schön.
41:48
Da muss sie aber sehr jung sein.
41:50
Nicht so sehr jung.
41:51
Wie alt?
41:52
77. Agnes Lansom, unsere letzte alte Dame.
41:57
Was, sie? Hat sie eingeladen?
41:59
Sie nicht. Daniel Nobles, der Polizist.
42:02
Der? Was hat denn der dazu...
42:04
Die Dame fährt morgen nach England.
42:06
Daniel kommt auch. Wir setzen uns in den Salon und wenn der Mörder kommt, spielen wir Skat mit ihm.
42:14
Das glaube ich Ihnen nicht.
42:16
Sie ging hinaus und räumte im Verbandszimmer auf. Ich machte alle Eintragungen, die noch fehlten. Als ich meinen Kittel an den Haken hing, kam sie zurück.
42:26
Fertig. Eine Spritze habe ich kaputt gemacht, die Zwanziger. Der Kolben saß so fest.
42:33
Sie ruinieren mich in Grund und Boden. Es ist besser, Sie gehen jetzt.
42:37
Jawohl, Herr Doktor.
42:39
Schönes Wochenende. Auf Wiedersehen.
42:41
Gute Nacht. Ich gehe schlafen, damit ich heute Abend einen frischen Eindruck mache.
42:47
Es ist kein Spaß?
42:49
Nein.
42:51
Ja, dann... Ich meine, wenn es vorbei ist, rufen Sie mich an? Heute Abend noch?
43:00
Warum? Ja.
43:03
Ich will es nur wissen.
43:05
Warum?
43:08
Ich warte darauf.
43:09
Ich nahm langsam die Hände nach oben und fasste sie an den Ohren. Dann machte ich mich etwas kleiner. 89, 69, 72 Ich wusste die Nummer sowieso auswendig.
43:50
Hast du denn bei deinen Wortklaubereien oder schöner gesagt in den Perlen, die du gefunden hast, auch, ich fasste sie an den Ohren mitnotiert?
44:01
Das ist ehrlich gesagt so der Hauptschatz der heutigen Folge. Ich fand das wirklich ein sehr schönes Bild. Sehr einfach, aber auch sehr visuell, aber man hat es sofort vor Augen.
44:14
wie sie sich quasi nimmt. Und ich finde vor allem sehr schön, was er nicht sagt, wo sonst immer alles ausgesprochen wird in dem Spiel. Er sagt ihm nicht, ich küsste sie.
44:24
Das finde ich wirklich schön.
44:24
Ja, das ist schön. Du sagst, du hast gleich ein konkretes Bild vor Augen. Beschreib mir das mal, weil ich finde es nicht eindeutig. Und ich finde beides schön. Oder ich finde die unbeholfenere Variante noch schöner.
44:37
Also ich hätte jetzt gesagt, er legt wirklich so seine beiden Hände sanft auf die Ohren drauf. Die Finger kommen schon ein bisschen auf den Hinterkopf. Und dann zieht er vielleicht den Kopf etwas zu sich, bewegt sich auf sie zu und küsst sie.
44:49
Also nicht, dass er wie zwei Haltegriffe und ich meine das aber ganz lieb. An den Segelohren? Nein, Entschuldigung, du ziehst jetzt gleich vor mir, aber ich meine wirklich, es hat dieses Bild, wie du es beschreibst, die flachen Hände auf die Ohren, vielleicht den Kopf auch noch ein bisschen neigen, sodass die Kamera auch das Gesicht der Frau noch einfangen kann. Kennt man ja so als Filmkuss dann doch und klar ist das jetzt nicht mega...
45:10
Nicht mega chauvinistisch, aber trotzdem hat es ja diesen Griff an den Kopf und in die Position bringen, jemanden zu sich heranziehen. Ein bisschen was Bestimmtes, um nicht zu sagen übergriffig. Aber jetzt, wie ich es mir ein bisschen vorstelle, weil er ist auch so zart in der Stimme und du sagst es, er spricht es nicht aus. Sie haucht ja nur ihre Telefonnummer und er sagt, die kenne ich schon. Aber wie du schmeckst, weiß ich nicht. Ah, du siehst schon, ich verliebe mich in das Tret, genau. Nein, aber was ich sagen will, ist dieses an die Ohren fassen, wenn das noch unbeholfener ist, dass man wirklich die Ohren so abtastet.
45:44
Und weil sie auch immer so geschildert wird, wie so ein kleines Vögelchen und mit den zerzausten Haaren, finde ich diese Form der Annäherung, die fast noch ein bisschen was Unbeholfenes, aber Zärtliches hat, fand ich fast noch schöner als diese, ich weiß genau, wo ich meine Hände hinlegen muss und wie ich küssen muss. Fand ich fast noch schöner.
46:00
Auch sehr schön.
46:02
Gut. So, jetzt. Ich habe mich wieder eingefangen. Ich lasse mich nicht mehr treiben.
46:08
Das ist jetzt für mich so die eine Überraschung in dem Hörspiel, dieses Schlussbild. Also gut, man ahnt natürlich, die beiden kommen halt zusammen. Aber wie es dann doch kommt und eben die Mischung aus ausgesprochen, nicht ausgesprochen, sehr hübsch. Für mich gab es eine andere Überraschung, nämlich beim Motiv für die Morde. Man darf jetzt ja das Wort Mord wirklich in den Mund nehmen.
46:29
Das wird ja auch so ausgesprochen, glaube ich, von jemandem. Es war dann doch ganz einfach so ein Lotto-Gewinn.
46:34
Ja.
46:35
Toto, sagen sie noch.
46:36
So einfach, ne?
46:37
So einfach.
46:41
wirklich, glaube ich, auch ein bewusstes Spiel mit Erwartungshaltung. Wenn ich so ein altes Foto bekomme als Motiv, denke ich natürlich, oh, die haben irgendein altes Geheimnis. Die fünf hatten vielleicht zusammen Verbrechen begangen oder es war dann doch eine Art Frauengeheimbund über die Jahrzehnte oder was auch immer.
46:56
Geheimnisträgerin.
46:57
Geheimnisträgerin über Jahrzehnte hinweg und dann kommt eine späte Rache oder irgendwas fliegt auf. Und das ist einfach dann nur quasi der Lottogewinn bei der Tipp-Gemeinschaft in einem relativ späten Lebensstadium. Hat mich wirklich überrascht.
47:11
Ja, es ist natürlich, eben, unser Doktor ist ja auch enttäuscht, dass es dann doch wieder nur ums Geld geht und für uns ist es auch noch ein bisschen unbefriedigender, weil die monetäre Situation auch vorher nie thematisiert wurde. Ja, also kein Hinweis darauf, dass dieses Lottogewinn existiert, selbst nicht. Mechthild, wo man das ja hätte platzieren können, oder beim Professor, also mit den näheren Verwandten, erfahren wir das ja auch nicht. Der Professor wusste es, aber es wird im Gespräch ja nicht erwähnt.
47:44
Na gut, man würde ja natürlich trotzdem auch nicht gerade damit hausieren gehen, dass man im Lotto gewonnen hat. Das darf man ja nicht machen. Eigentlich.
47:52
Ja, da hast du auch wieder recht. Manche machen das.
47:57
Die mieten sich dann Cabriolet. Aber ja, du hast recht, das stimmt. Aber die Mächte hätte es wissen können, aber es ist halt auch nur die Tante und die Mutter. Und jetzt macht auch der Anwalt, macht großen Sinn und seine Nachforschung.
48:12
Total, stimmt.
48:13
Der taucht ja gar nicht mehr auf, der ist quasi schon reingewaschen, weil er nur qua Funktion mitgespielt hat.
48:20
Total, das stimmt ja, genau. Auch spannend, davor war wirklich so eine anrühchige oder auch so ein bisschen zweifelhafte, mysteriöse Figur. Dacht, so ein eigenes Interesse, aber total schlussendlich einfach Funktionserfüller.
48:34
Weißt du, was mir noch gefallen hat? Ich hatte das ja schon nach Teil 2 oder so gesagt, wo Dr. Klein nur so eine Idee hat, eine Ahnung, das was vorliegen könnte und er anfängt zu ermitteln und dann aber recht schön so Stationen ausmacht, die er abgrast, also beim Bruder vorbeigeht und beim Anwalt. Und so ja peu à peu Sachen zusammenträgt. Und dass wir jetzt mit diesem Mordplatz, mit diesem Treppenhaus und mit den Zeiten noch in so einem klassischen Houdanit irgendwie drin sind. Wer hatte überhaupt die Gelegenheit und wer könnte Zeuge oder Zeugin sein?
49:07
Das finde ich noch schön.
49:08
Das stimmt, ja.
49:09
Das ist mir herangeklingelt.
49:12
Diese Informationen sind wiederum eigentlich immer schön platziert. Und es ist jetzt nicht, dass man nachher denkt, davon habe ich noch nie was gehört.
49:19
Total.
49:20
Ich bin gespannt, wie es mit der fünften alten Dame weitergeht.
49:25
Ja, ich meine, du hast immer noch den Titel.
49:29
Aber man kann natürlich mit Erwartungen spielen.
49:32
Mit deiner Erwartung eben, dass es ein geheimbindischer Frauenclub ist, wurde ja schon gespielt.
49:36
Das ist so, nein, aber ob vielleicht dann wirklich die fünfte auch noch sterben muss und wir wissen immer noch nicht, wer der Mörder ist.
49:43
Absolut. All das erfahren wir in der letzten Folge der fünf toten alten Damen. Bis zum nächsten Mod. Macht's gut.
50:02
Das war ein Podcast von SRF.
50:04
Produziert im Auftrag der SRG.