00:03
ARD Sounds
00:05
Die Sommersonne scheint grell auf die Fassaden in der Wagnerstraße in Lichtenberg. Kleine Jungs mit aufgeschirften Knien jagen einem Ball hinterher. Aus den Fenstern der Mietshäuser dringen Stimmen und Gelächter. Es ist einer dieser Tage, an denen das harte Berlin leichter wirkt als sonst.
00:21
In dem kleinen möblierten Zimmer in der Wagnerstraße 61 ist von dieser Leichtigkeit nichts zu spüren. Sämtliche Schubladen stehen offen. Der Inhalt des Kleiderschranks liegt auf dem Fußboden verstreut.
00:35
Sie haben doch jetzt wirklich alles durchsucht, oder? Die zwei Polizeibeamten gucken sich ratlos an. Dann fällt ihr Blick aufs Ehebett von Wilhelm und Elli Klein.
00:46
Die Polizei weiß, Wilhelm wurde ermordet. Das hat die Obduktion ergeben. Finden sie hier irgendwo Beweise? Einer der Beamten hebt die Matratze an. Eigentlich rechnet er mit nichts, vielleicht ein bisschen Erspartes oder eine Flasche Schnaps.
01:03
Stattdessen kommen Briefe zum Vorschein. Sorgfältig verschnürt, dicht an dicht gestapelt.
01:09
Ein Bündel, zwei Bündel, drei Bündel zieht er unter der Matratze hervor. Am Ende liegen fast 600 Briefe auf dem kleinen Tisch am Fenster. Und was Elli, die Ehefrau des Toten, dargeschrieben hat, schockiert den Beamten zutiefst.
01:26
Er widert mich immer mehr an, wenn dies Schwein doch nur endlich krepierte.
01:39
Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin mit Crime History. Historische Verbrechen aus Berlin und Brandenburg.
01:54
Hallo bei Crime History. Neben mir sitzt Jana Falkenstein.
01:58
Und neben mir sitzt, was für ein Zufall, mal wieder Florian Prokop und mein lieber Herr Gesangsverein, 600 Briefe, 600 Liebesbriefe, um genau zu sein, die zum wichtigsten Beweisstück in einem Sensationsprozess der Weimarer Republik werden.
02:14
Liebesbriefe, die ganz eindeutig nicht an den toten Ehemann gerichtet sind. Im Gegenteil, Wilhelm Klein wurde offenbar von seiner eigenen Ehefrau ermordet.
02:25
Und doch ist es nicht so einfach, wie es scheint.
02:29
Um zu verstehen, wie aus anfänglicher Liebe brennender Hass wird, starten wir im November 1919. Ella Johanne Emilie Thieme, genannt Elli, arbeitet als Friseurin in Friedrichsfelde. Sie ist 20 Jahre alt, gilt als fleißig und fröhlich. Sie geht gern aus, sie hat halblange wuschelige blonde Haare und blaue Augen.
02:50
Was dem Tischlergesellen Wilhelm, Willi Klein, als erstes an ihr auffällt oder gefällt, als er sie in einem Lokal in Friedrichsfelde kennenlernt, wissen wir nicht so genau. Aber er soll sich von Anhieb schwer in sie verliebt haben.
03:04
Und Elli, naja, war vielleicht nicht unsterblich verliebt, würde ich sagen. Aber ihr gefällt, dass Willi einen anständigen Beruf lernt. Ihr Vater ist nämlich auch Tischler.
03:14
Sie sucht einen, der ihr geordnete Verhältnisse bietet, einen zuverlässigen Mann, mit dem sie eine Familie gründen kann und dafür scheint der 28-Jährige genau der Richtige zu sein.
03:25
Im November 1920 heiraten die beiden und ziehen zu Willis Mutter in Lichtenberg, also nach Berlin.
03:31
Das kann gut gehen, das muss aber nicht gut gehen.
03:34
In diesem Fall geht es nicht gut. Elli kann ihre Schwiegermutter nicht leiden, die Schwiegermutter kann Elli nicht leiden. Sie macht die Frau ihres Mannes nämlich dafür verantwortlich, dass sie sich mit ihrem Sohn von nun an nicht mehr gut versteht. Im Sommer 1921 eskaliert das Ganze, behauptet die Schwiegermutter jedenfalls.
03:51
Elli bringt ihr eine Tasse Kaffee.
03:54
Und die alte Frau Klein erzählt später, denkt sofort, irgendwie riecht dieser Kaffee komisch und deswegen probiert sie auch nur ein winziges Schlückchen. Der Kaffee hat einen scharfen, brennenden Geschmack und sofort schwillt auch ihre Zunge an.
04:12
Sie ist überzeugt, Elli hat versucht, mich zu vergiften. Elli bestreitet das übrigens.
04:17
Ja, auf jeden Fall haut Elli aber kurz nach dem Vorfall zum ersten Mal von zu Hause ab, fährt zu ihren Eltern nach Braunschweig und will unter keinen Umständen zurück nach Berlin. Und das liegt auch nicht nur an der Schwiegermutter.
04:30
sondern an Willi, ihrem Ehemann. Er schlägt sie, er misshandelt sie, oft kommt er spätabends betrunken nach Hause und dann beginnt ihr Martyrium. Mit einem Gummiknüppel soll er sie verprügelt haben und er vergewaltigt seine Frau.
04:45
Wie viel sie da von ihren Eltern erzählt, wie sehr sie da ins Detail geht, das ist unklar. Ihr Vater sagt später, er habe nicht gewusst, wie schlimm es war und tut das, was sie sagt, wohl als kleine Zwistigkeiten ab. Und das sagt er, kommt seiner Meinung nach einfach in jeder Ehe vor. Und nach zwei Wochen muss Elli zurück nach Berlin, weil ihr Vater es so will.
05:07
Und in Berlin sitzt ein reumütiger Willi. So wird es ab jetzt immer laufen, so wie es auch in unzähligen gewaltvollen Beziehungen läuft. Willi schlägt seine Frau, sie flüchtet, er entschuldigt sich, gelobt Besserung, sie geht zu ihm zurück. Es geht eine Weile gut, bis es eben nicht mehr gut geht.
05:24
Lass uns das mal einordnen. Wie immer ist natürlich auch Regina Styrico, Kriminalhistorikerin am Start. Hallo Regina.
05:32
Hallo, ich grüße euch.
05:33
Regina, welche Möglichkeiten hätte Ellie denn gehabt, dieser Ehe überhaupt zu entkommen?
05:39
Ja, das ist nicht so ganz einfach und das ist durchaus ein zweischneidiges Schwert, denn sie hatte die Möglichkeit, ihren Mann anzuzeigen, wenn er sie wirklich so verprügelt hat, dass er sie echt verletzt hat oder ihr sonst Gewalt angetan hat. Das hat aber kaum eine Frau gemacht, also aus Angst, wie der Mann dann reagiert, denn hätte es vielleicht noch schlimmer werden können. Sie konnte auch zum Anwalt gehen, sie konnte auch die Scheidung beantragen.
06:09
Aber auch das hat keine Frau so ohne weiteres gemacht. Wieso nicht?
06:14
Was hätte eine Scheidung bedeutet für Elli?
06:16
Naja, das hätte erstmal bedeutet, dass sie nicht weiß, wo sie hin soll. Sie hätte dann aus der Wohnung ausziehen müssen und vor allen Dingen, sie hätte kein Geld gehabt. Also der Mann ist derjenige, der das Geld verdient. Fast keine Frau kann für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen. Das war schon schwierig und deshalb haben auch viele Frauen einfach so eine kaputte Ehe akzeptiert.
06:39
Es wurde zum Beginn der Weimarer Republik eigentlich ein Gesetz erlassen, nachdem Mann und Frau gleichgestellt waren, gleichberechtigt. Wie sah das in der Praxis aus?
06:50
Naja, in der Theorie war das ja alles ganz schön. Aber wie ich schon sagte, die Frauen waren ja finanziell von ihren Männern wirklich 100 Prozent abhängig. Und so einfach konnte eine Frau auch gar nicht sich selbst ernähren. Vor allen Dingen, wenn sie Kinder hatte. Also bei diesen beiden war es noch, ja praktisch ein Glück, dass sie keine Kinder hatten. Aber eine Frau mit Kindern, die ist so mit Arbeit zugeschüttet, die hat so viele Aufgaben zu erledigen. Das fängt an vom Kochen, vom Einkaufen, Windel waschen. Ja, die kann eigentlich kaum alleine über die Runden kommen.
07:22
War deutlich mehr Aufwand damals. Sehr viel mehr Aufwand.
07:27
Männer durften damals auch noch bestimmen, ob ihre Frau überhaupt arbeiten darf oder nicht. Das hat sich in Deutschland erst, also in der Bundesrepublik 1977 verändert in der DDR.
07:38
Früher, ab 1950. Also Elli kehrt zurück nach Berlin, muss zurück. Und kurze Zeit später, im August 1921, kommt es dann zu einer schicksalshaften Begegnung.
07:51
Elli und Willi sind inzwischen umgezogen. Das mit der Schwiegermutter, das ging offensichtlich nicht mehr. Und jetzt wohnt das Paar in einem kleinen möblierten Zimmer zur Untermiete in der Wagnerstraße 61. Diese Wagnerstraße, die liegt im Nordosten Berlins im Stadtteil Lichtenberg. Und allen, die uns jetzt bei Spotify oder YouTube zuschauen, den zeigen wir mal wo genau.
08:15
Die verläuft parallel zur Frankfurter Allee, gar nicht so weit vom Bahnhof Lichtenberg weg. Die heißt heute auch nicht mehr Wagnerstraße, sondern ist heute die Fanninger Straße.
08:24
In der gleichen Straße betreibt die Vermieterin der Kleins eine Kneipe. Und da sind die beiden immer mal wieder. Und genau dort kommt es zu dieser schicksalhaften Begegnung. Elli lernt Margarete Nebbe kennen. Drei Jahre älter als sie, Mitte 20 also. Und sie ist die Ehefrau von Wilhelm Nebbe, einem Bekannten von Widdi. Beim ersten Treffen sitzen alle vier zusammen, Ehepaar Klein und Ehepaar Nebbe.
08:49
Und die Frauen verstehen sich blendend. Die treffen sich deswegen auch bald ohne ihre Männer und stellen fest, wir sitzen im selben Boot, weil auch Grete wird von ihrem Mann misshandelt. Elli ist deswegen dann oft bei ihrer neuen Freundin. Die wohnt auch eh nur ein paar Häuser weiter in der Wagnerstraße 26. Da wohnt sie mit ihrem Mann und ihrer Mutter Marie. Und die wird auch schnell wie so eine Ersatzmutter für Elli.
09:13
Und Elli für sie wie eine zweite Tochter. Und den Männern passt diese Freundschaft überhaupt nicht.
09:21
Ja, so sehr, dass sie bald ihren Frauen verbieten, sich gegenseitig zu sehen. Und da beginnt auch das Briefe schreiben, auch wenn die Frauen sich trotzdem heimlich weitertreffen.
09:31
Sie haben sogar ein Zeichen ausgemacht, wenn ein Taschentuch im Fenster hängt, dann ist der alte nicht da.
09:36
Sie schreiben sich manchmal sogar mehrmals am Tag Briefe und zwar Liebesbriefe. Elli und Grete sind nämlich mehr als Freundinnen, sie haben sich tatsächlich ineinander verliebt.
09:47
Es sind die Briefe, die später unter Ellies Matratze gefunden werden. Elli nennt Grete mein teures Gretchen und Elli ist Gretes kleiner Frechdachs. In den Briefen träumen sie von einer besseren Zukunft. Grete schreibt zum Beispiel an Elli, »Meine Liebe, wollen es doch durchsetzen, dass wir zum Frühjahr zusammen glücklich werden.« Der Hass, also der Hass auf die Männer, wird von Tag zu Tag größer und die Liebe zu dir, mein Lieb, gar nicht zu beschreiben. Einige der Briefe haben wir in den Ermittlungsakten.
10:21
Zum Frühjahr zusammen glücklich werden, hast du gerade vorgelesen. Im Januar 1922 hilft Grete ihrer Freundin nämlich ein weiteres Mal abzuhauen, besorgt ihr auch ein Zimmer bei einer Nachbarin und Elli geht zum Anwalt, weil sie Scheidungsklage einreichen will.
10:35
Ihrem Anwalt gibt es ja auch ein ärztliches Attest. Sie hat blaue Flecken am Körper und im Gesicht von den Schlägen ihres Mannes. Sie will eine einstweilige Verfügung beantragen, die es ihr erlaubt, von Willi getrennt zu leben. Und sie möchte nach der Scheidung eine monatliche Rente von ihm, 1000 Mark.
10:52
Willi denkt fälschlicherweise, seine Frau wäre wieder nach Braunschweig abgehauen. Er schreibt Briefe an seine Schwiegereltern, in denen er sich für diese Misshandlung entschuldigt. Er sagt auch, das wird nie wieder vorkommen, der Alkohol sei schuld und eigentlich wären das ja auch nur ein paar Klapse gewesen.
11:08
Und was tut Ellies Vater? Er fährt nach Berlin, um dafür zu sorgen, dass seine Tochter zu Willi zurückgeht. Sein Argument, die Frau gehört zum Manne. Das ist so heftig. Und Elli bläst tatsächlich die ganze Scheidungssache ab und geht zurück zu ihrem Peiniger. Warum sie das tut, wird sich erst sehr viel später rausstellen. Es ist auf jeden Fall der Wendepunkt. Bald darauf entsteht der Plan, die Männer loszuwerden. Und zwar für immer.
11:37
Musik
11:41
Grete ist verständlicherweise überhaupt nicht glücklich darüber, dass Elli zu ihrem Mann zurückgeht, weil sie sich Sorgen macht einerseits, aber auch aus Eifersucht. Sie schreibt ihrer Freundin, ich könnte immer losweinen, erstens, als ich dich, mein Lieb, wieder gesehen, wie du mit ihm zusammen wieder dort munter gingst. Und sie schreibt in einem anderen Brief, der Gedanke, dass du jetzt wieder dort bist, der bringt mir nur noch Verzweiflung.
12:08
Nur du allein weißt, dass ich an dir hänge wie eine Klette am Kleide. Warum lässt du mir das so sehr fühlen, wenn du dir mit Kleingut verstehst?
12:18
Elli beteuert, dass das alles nur Fassade sei.
12:22
Ich habe dir doch gesagt, warum ich zurückgekehrt bin, schreibt sie. Nur aus Berechnung, um ihn ganz los zu sein, um dir zu beweisen, dass ich für dich lebe und mit euch, also mit Grete und der Mutter, mal glücklich werde und dafür tue ich alles. Ich arbeite darauf hin, dass ich frei sein will von Klein, denn ich hasse ihn zu sehr.
12:44
Nach außen gibt Elli also die brave, zufriedene Ehefrau, aber in ihrem Inneren ist längst der Entschluss gereift, ihren Mann zu töten. Und dafür reicht damals ein Gang in die Drogerie.
12:56
Ja, Drogerien waren nämlich damals dann doch ein bisschen anders, als heute DMs sind oder Rossmanns sind.
13:01
Oder Müllers.
13:02
Oder Budnys.
13:04
Also es waren keine Selbstbedienungsläden und der Schwerpunkt war auch nicht Kosmetik und Körperpflege. In der Drogerie konnte man tatsächlich Chemikalien für den Hausgebrauch kaufen, also Alkohol, Schwefel, Glycerin, sowas alles. Kräuter und Tees gab es auch, Putzmittel, Waschmittel.
13:20
Und Schädlingsbekämpfungsmittel. Elli geht zum Drogisten ihres Vertrauens, Herr Weber.
13:27
Sie hätte zu Hause eine Rattenplage und er verkauft ihr für zwei Mark ein Tütchen Rattengift. Als Rattengift wurde damals Arsen verwendet bzw. Arsenoxid. Ein weißes Pulver hatte auch den schönen Beinamen Erbschaftspulver.
13:41
Da sehe ich Regina schon leise lächeln beim Thema Gifte. Oder wir können auch mit dir einen schönen Ausflug in die Welt der Gifte machen, oder?
13:51
Ja, können wir gerne. Ja, Arsen, okay, das Gift der Könige, König der Gifte. Ja, Arsen brauchte man natürlich zur Schädlingsbekämpfung für die Bekämpfung von Ratten. Aber auch, ja, ich hätte jetzt beinahe was Schlimmes gesagt, ich sage es mal lieber nicht. So geht es nicht.
14:11
Sag es mal, jetzt sag es bitte.
14:14
Ja, aber sie wollten ja keine vierbeinigen Ratten vernichten, sondern eine mit zwei Beinen. Ich weiß, das ist jetzt ganz schlimm, aber für diese Frauen war es wirklich so. Also dieser sie quälende Mann, den mussten sie irgendwie oder den wollten sie irgendwie loswerden. Das ist ein schlimmer Gedankengang, aber es war so.
14:35
Und konnte man tatsächlich einfach so in die Drogerie gehen? Wurde das überhaupt nicht dokumentiert, wenn jemand Gift gekauft hat?
14:44
Nein, das wurde dokumentiert. Es wurden Listen geführt mit Personalien, Namen. Wenn der Drogist den Kunden nicht kannte, dann musste der Kunde sogar den Personalausweis vorlegen oder eine andere Bestätigung. Wenn er die Frau kannte, war das für ihn in Ordnung. Ja, natürlich, Gift konnte man so kaufen, denn der Befall der Wohnung von Ratten war schon ziemlich extrem und die Mieter waren auch dafür zuständig, diese Ratten dann halt selbst zu bekämpfen.
15:16
Ja, und das machte man mit Rattengift.
15:18
Also besonders verdächtig hat sie sich damit nicht gemacht in dem Moment? Überhaupt nicht, nein. Wie gut konnte man denn Arsen nachweisen in den 20er Jahren?
15:28
Das konnte man schon sehr gut und zwar schon seit mindestens 100 Jahren. Schon um 1840 hat auch schon die forensische Toxikologie herausgefunden, wie man Arsen nachweisen kann. Denn Arsen, wer noch sein Chemiebuch hat, weiß Periodentafel Arsen 33, ist ein Halbmetall. Und wenn sich bei den Untersuchungen mit bestimmten Chemikalien, also das will ich jetzt nicht ausführen, sich so eine metallische Oberfläche bildet, so eine glänzende Fläche, die nach Metall aussieht, dann war das definitiv Arsen.
16:03
Das heißt, es gäbe andere Gifte, es wäre klüger gewesen, andere Gifte zu verwenden, da weißt du was?
16:09
Naja, aber andere Gifte, die kann man nicht so schnell beschaffen. Es gibt natürlich viele Gifte bis heute, die man nicht nachweisen kann.
16:18
Was ist denn dein Lieblingsgift, Regina? Fragen wir doch mal so.
16:23
Naja, ich müsste mal im Garten gucken, was da so alles steht. Es gibt genug Giftpflanzen, die man sehr gut benutzen kann. Ich hätte mich eventuell für ein Pilzgericht entschieden.
16:35
Okay, führ mal aus.
16:37
Naja, ich hätte eine nette Pilzsuppe oder ein Pilzragout, ein Pilzragout ist leckerer, ein Pilzragout gemacht mit Knollenblätterpilzen. Die kann man nämlich sehr gut verwechseln mit Wiesenschampignons. Ich kann sowieso schlecht sehen und ich würde das gar nicht merken, ob ich dann Knollenblätterpilz oder ein Wiesenschampignon habe. Ja, ich hätte denn nur davon nichts essen können, aber das wäre eine gute Idee gewesen.
17:02
Ich kann mir sofort vorstellen, wie Regina vor einem Mordermittler sitzt und sagt, ich kenne mich überhaupt nicht aus mit Pilzen. Wie konnte das nur passieren?
17:10
Ich habe aber das Gefühl, eure beiden Augen glänzen so ein bisschen beim Thema Gifte. Also du bist da ja auch nicht unfasziniert und es gilt ja auch so ein bisschen der Giftmord als typisch weibliches Verbrechen, oder Regina? Irre ich mich da?
17:24
Naja, da muss ich mit einem ganz klaren Jein antworten. Also wenn ich so die Fälle mir anschaue, die ich so in den letzten Jahren mal angeschaut habe, würde ich sagen, ja, der Giftmord ist eine typische Frauenangelegenheit. Nun muss man auch leider sagen, sorry lieber Florian, Frauen morden mit mehr Überlegung.
17:49
Das glaube ich sofort.
17:50
Wir sind da doch bei weitem überlegt dann.
17:52
Typisches Symptom einer Arsenvergiftung ist Erbrechen und Durchfall. Und die Frauen, wir sind in der Geschichte, wo die Frauen Briefe schreiben, ihr erinnert euch, da diskutieren die beiden, ob mit Willi wohl das gleiche passieren wird wie mit vergifteten Ratten, ob ihm vom Arsen vielleicht der Bauch aufplatzt.
18:13
Spoiler, nein, das passiert bei Menschen nicht. Ellie beginnt im Januar 1922 ihrem Mann Arsen und das Essen zu mischen, nur eine Messerspitze in die Quetschkartoffeln. Arsen ist quasi geschmacklos, Willi merkt davon nichts und Ellie verabreicht ihm immer nur kleine Mengen. Das Arsen reichert sich dann...
18:32
in seinem Körper an, sehr langsam und tötet ihn quasi schleichend. Willis langsamen Verfall können wir in den Briefen der beiden Frauen in Echtzeit mitlesen. Und trotzdem, ihm geht es jeden Tag ein bisschen schlechter.
18:56
Klein wandert im Fieber im Zimmer auf und ab, schreibt Elli. Er hat Schmerzen, dass er möchte die Wände hochklettern. Aber es hilft nichts. Ich lasse ihn nicht mehr auf die Beine kommen.
19:05
Ja, das Tütchen Rattengift ist irgendwann aber leider fast alle.
19:08
Elli schreibt, dass er sich immer wieder aufrappelt, macht mich ganz kopflos, da doch mein Zeugs gleich alle ist. Und wie bekomme ich noch etwas? Nun, mein Lieb, liebe Grete, gib mir bitte Rat. Was mache ich, dass es schneller geht?«
19:21
Grete rät ihr einfach nochmal zu Weber zu gehen, zu den Drogisten und ermahnt sie es bloß nicht zu übertreiben. Sie soll ihm nicht zu viel auf einmal geben, er darf nämlich nicht zu früh ins Krankenhaus kommen, sonst rettet man ihn womöglich und kommt den beiden Frauen dann auf die Schliche. Elli befolgt ihren Rat auch, sie kauft ein zweites Tütchen Rattengift beim Drogisten und schreibt, ich bin so froh, wegen mir kann er bald verrecken. Nun ist meine Brühsuppe gleich gut und ich werde ihm welche reinbringen. Jetzt soll er aber mit Gewalt dran glauben.
19:53
Ich denke doch, wenn ich diese kleine Tüte leer habe, wird er auch alle sein. Mein Lieb, was lange dauert, wird gut.
20:03
Aus den Briefen erfahren wir, in der Wohnung von Grete Nebbe geht offenbar das Gleiche vor sich. Auch sie vergiftet ihren Mann. Schließlich wollen die beiden Frauen gemeinsam mit Gretes Mutter ein neues Leben beginnen. Dafür müssen beide Männer weg. Grete schreibt, Reue bei dem Kerl kann man, wenigstens ich, keine empfinden. Da haben mir die Schufte zu weh getan.
20:26
Willi Klein kann inzwischen das Bett nicht mehr verlassen. Ungefähr drei Monate nimmt er nun schon fast täglich Arsen zu sich. Es muss ihm wahrscheinlich wirklich elend gehen. Ellie schreibt, ich habe nicht Mitleid. Nicht eine Ader schlägt mir für ihn, aber ich muss doch so tun. Sie pflegt ihn also ganz liebevoll, damit er keinen Verdacht schöpft.
20:47
Heute habe ich ihm alles gegeben, weil er hat heute gegessen. Er hat auch alles behalten, trotzdem ich so viel gab. Der Magen hat sich sicher dran gewöhnt.
20:56
Ich kann nun nicht mehr. Oder ich nehme den Strick und mache sonst was. Er kann es ja auch selbst gemacht haben.
21:03
Also sie spielt mit dem Gedanken, ihn aufzuhängen und den Mord als Suizid zu tarnen. Aber so weit kommt es gar nicht mehr. Am 1. April 1922 wird Wilhelm Klein ins Krankenhaus eingeliefert.
21:19
Am gleichen Tag schreibt Elli an Grete...
21:23
Mein Lieb, vor allem muss ich dir die freudige Mitteilung machen, dass Klein für immer eingeschlafen ist. Vor den Leuten tue ich einen sehr besorgten und tue, als wenn ich mich sehr gräme, aber im Inneren freue ich mich sehr. Mein Lieb, nun werde ich dir den richtigen Beweis geliefert haben, dass ich nur deinetwegen auf das Ganze gegangen bin.
21:45
Und Gretes Antwort, vor allem hast du deine Arbeit gut gemacht, habe doch im Stillen für mich gelacht.
21:53
Mein Lieb, hoffentlich hältst du Wort und bleibst mein kleiner Frechtax.
21:58
Willem Klein ist tot, er wurde 31 Jahre alt.
22:02
Das ist ne freche, Alter. Doch mal. Ruhe, hab ich gesagt. Ihr könnt euch auf den Kopf stellen. Der hier Richtsaal bleibt zu. Ihr kommt hier nicht mehr rein.
22:18
Aber wir haben recht drauf zu erfahren, warum sie ihren Alten ermordet hat. Das ist von öffentliches Interesse, hören Sie mal.
22:24
Was euer Recht ist, entscheidet immer noch der Herr Richter. Und der sagt, Saal räumen.
22:45
Große Aufregung vorm Gerichtssaal. Hunderte wollen dabei sein, wenn der Fall der Giftmörderinnen verhandelt wird. Aber sie dürfen nicht rein. Warum? Klären wir doch erst mal, wie wir hier überhaupt gelandet sind. Wie wurden Elli und Grete überführt?
23:01
Ja, das ist spannend, weil Willi Kleins Tod wird zunächst nicht als Mord erkannt. Auf dem Totenschein steht Alkoholvergiftung. Ellie gerät erst ins Visier der Ermittler, nachdem ihre Schwiegermutter vom Tod des Sohnes erfährt. Dass es ihm schon länger nicht gut geht, davon hat sie nichts gewusst. Ellie informiert sie erst, als Willi bereits tot ist.
23:22
Die alte Frau Klein ist sicher, das geht aufs Konto meiner Schwiegertochter. Die hat ja immerhin auch schon mal versucht, mich zu vergiften. Sie geht zur Polizei. Was in den sechs Wochen zwischen Willis Tod und Ellis Verhaftung Ende Mai genau passiert, lässt sich leider nicht mehr hundertprozentig rekonstruieren aus den Akten, die uns zur Verfügung stehen.
23:42
Aber als Willi beerdigt wird, ist Elli auf jeden Fall noch auf freiem Fuß. Die Frauen schreiben sich am Tag der Beisetzung auch Briefe. Elli bezeichnet sich selbst als die junge, lustige Witwe.
23:54
Ja.
23:54
Und sie wünscht sich, dass auch Grete endlich frei ist, aber die bekommt jetzt Angst und schreibt ihrer Geliebten, nun bitte, bitte bleibe mein und warte, bis ich dich holen kann, denn so schnell kann ich ihm nichts geben, also ihrem Ehemann, denn wenn er erst was merkt, dann trinkt er gar nicht mehr.
24:13
Grete Nebbe spricht hier über ihren Ehemann, der noch bei bester Gesundheit ist zu diesem Zeitpunkt. Es soll noch niemand ahnen, was wir im Schilde führen. Nachher, wenn ich auch erst erlöst bin, dann können die Menschen reden, was sie wollen. Aber so lange darf niemand was erfahren. Ist ja auch wirklich sehr auffällig, wenn zwei Ehemänner in der gleichen Straße...
24:34
Und trotzdem, es kommt schneller als gedacht, auf Dräng von Willi Kleins Mutter wird sein Leichnam nämlich nun doch obduziert. Entweder hat man seine Organe vor der Beerdigung entnommen oder er wird exhumiert. Das geht aus den Akten, die wir haben, nicht eindeutig hervor.
24:50
Aber am Ende zählt ja auch das Ergebnis. Klein wurde ermordet. Todesursache Arsenvergiftung. Und das haben wir ja von Regina schon gelernt. Ist ein Standardverfahren, um das festzustellen. In seinen Organen findet der Rechtsmediziner so viel Gift, dass man hätte mehrere Menschen damit töten können. Deswegen wird dann die Wohnung der Kleins durchsucht. Die Liebesbriefe werden gefunden und Elli und Grete werden festgenommen.
25:15
Musik Am 12. März 1923 beginnt der Prozess. Elli Klein und Margarete Nebbe werden wegen Mordes bzw. versuchten Mordes und beide wegen Beihilfe angeklagt. Und auch Grete Nebbes Mutter, Marie Riemer, muss sich verantworten. Aus den Briefen geht hervor, dass sie von den Plänen der beiden Frauen wusste und sie nicht angezeigt hat. Damit hat sie sich auch strafbar gemacht.
25:42
Und ab jetzt steigt auch die Presse mit in den Fall ein und liefert uns die Erklärung, warum die Verhandlung trotz größtem Interesse unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Am Morgen des ersten Verhandlungstag wird Elli Klein befragt und zwar noch mit Publikum. Sie gibt sofort zu, ihren Mann mit Rattengift vergiftet zu haben, aber sie erzählt auch warum. In der Berliner Volkszeitung steht es so, die Angeklagte.
26:07
Mein Mann kam oft erst spät nach Hause. Dann war er häufig betrunken. Er schlug mich und machte mir dann die widerlichsten Zumutungen. Auf Antrag des Oberstaatsanwalts wird darauf die Öffentlichkeit für die weitere Dauer der Verhandlung ausgeschlossen.
26:22
Weil niemand hören soll, was Ellie Klein mit widerlichsten Zumutungen meint. Die Presse darf im Saal bleiben, aber auch in den etlichen Zeitungsartikeln, die über den Fall erscheinen, wird das nie wirklich benannt. Also es wird umschrieben mit Formulierungen wie abnormaler Verkehr, obszöne Intimitäten, Willi Klein sei sexuell degeneriert gewesen, ein Tier. Ich will, um ehrlich zu sein, gar nicht anfangen, mir vorzustellen, was das genau bedeutet.
26:52
Regina, in den Artikeln klingt es ja weniger danach, als wollte man Ellie schützen, indem man das ein bisschen weniger öffentlich macht, sondern es klingt, als würde man die Öffentlichkeit schützen wollen vor dem, was Ellie erlebt hat oder interpretiere ich das falsch?
27:08
Naja, das sind wohl doch verschiedene Aspekte. Ja, natürlich, man wollte das nicht alles vor der Öffentlichkeit breittreten. Das wäre ja auch viel Stoff so für Klatsch und Tratsch gewesen. Und was da zur Sprache kommt, auch gerade aus den Briefen, die verlesen werden, das ist ja in der Tat schon ziemlich heftig. Ja, das wollte man wirklich den Zuhörern einfach nicht zumuten. Denn das ist ja wirklich ein Fall gewesen. Sowas gab es nicht alle Tage. Das war schon... Ja, extrem brutal.
27:39
Und wer weiß auch, wen man mit sowas angezogen hat, mit solchen intimen Details.
27:46
Genau, das wäre jetzt der zweite Aspekt. Man wollte auch keine Voyeure anziehen, die sich jetzt sagen, hier werden tolle, intime Dinge angesprochen. Das wollen wir uns doch mal anhören, das ist interessant. Nee, das wollte man nicht so unbedingt.
28:01
Das Interesse am Prozess war schon trotzdem aber sehr groß, ne?
28:06
Ja, natürlich, das war enorm. Also im Prinzip waren Kriminalprozesse, gerade Mordprozesse immer ein Publikumsmagnet, aber hier vielleicht noch extrem, weil es eben, ja, es ging um eine lesbische Liebesbeziehung, es ging um Sex, also Sex und Crime verkauft sich immer gut, sagen wir es mal so ganz kurz.
28:27
Vielleicht auch spannend, dass im Nachbarsaal der Fall eines mordenden Bademeisters aus Wannsee verhandelt wird. Das ist natürlich in der Presse, also das müssen goldene Tage gewesen sein für die Berliner Blätter.
28:39
Ja, vor allen Dingen für die Journalisten, für die Gerichtsberichterstatter, für die waren es wirklich goldene Zeiten. Die wussten gar nicht, was sie zuerst schreiben sollten.
28:47
Und im Gerichtssaal geht die Anklage mit Elli extrem hart ins Gericht, behauptet sogar, sie hätte die Aggression ihres Mannes selbst verschuldet. In der Anklageschrift steht das so. Wie Zeugen bestätigen, vernachlässigte die Angeschuldigte ihren Haushalt und ging oft aus. Es kam auch vor, dass ihr Mann, wenn er von der Arbeit zurückkam, kein Essen vorfand. Man glaubt es nicht. Die Ehe gestaltete sich nicht glücklich. Schuld daran trug zum erheblichen Teil die Angeschuldigte.
29:20
Auch Willi Kleins Mutter sagt aus und bescheinigt ihrem Sohn eine absolut weiße Weste.
29:27
Er sei von bestem Charakter gewesen und das Unheil beginnt erst, als er Ellie kennenlernt, sagt sie.
29:35
Ellis Aussagen werden allerdings auch gestützt, zum Beispiel vom Ehepaar Franz, das in der Wohnung unter Elli und Willi wohnt. Sie haben nachts oft gehört, wie sich das Ehepaar klein streitet und auch das Poltern von Möbeln und Ellis Schreie. Eingemischt haben sie sich aber nie.
29:53
Wiederholt sich auch heute sowas, ne?
29:55
Dann wird der Anwalt in den Zeugenstand gerufen, der Elli in ihrer Scheidungsklage vertreten sollte. Januar 1922, sie war zum zweiten Mal von zu Hause abgewohnt, wohnte bei einer Nachbarin und wollte eine einstweilige Verfügung und wurde dann von ihrem Vater, die Frau gehört zum Manne, wir erinnern uns, davon überzeugt, doch wieder zu Willi zurückzugehen.
30:17
Der bestätigt vor Gericht, dass er die blauen Flecken an Ellies Gesicht selbst gesehen hat. Er legt dem Gericht auch einen Gummiknüppel vor, den Elli ihrem Mann, also Willi, abgenommen hatte. Und Willi soll außerdem auch mit einem Dolch unterm Kopfkissen geschlafen haben, sagt der Anwalt aus.
30:37
Die Aussage von diesem Scheidungsanwalt ist sowieso hochinteressant aus zwei Gründen. Zum einen sagt er aus, dass Ellie ihm nicht nur von der Prügel, sondern auch vom abnormalen Verkehr erzählt hat. Und dass er aber, Achtung, nur die Schläge in die Scheidungsklage mit aufgenommen hat, Zitat, und die obszönen Intimitäten weggelassen hätte, weil es ihm peinlich gewesen wäre, derartiges seiner jungen Sekretärin zu erzählen.
31:05
Im Diktat, sie hätte es aufschreiben müssen und das geht nicht. Das ist unvorstellbar. Das sagt so viel über die Zeit aus, dass es ihm peinlich ist.
31:17
Und außerdem erklärt der Anwalt, warum Elli die Scheidungsklage dann doch wieder zurückgezogen hat. Grete war ja wahnsinnig enttäuscht. Alles war schon am Laufen, alles im Gange und dann macht Elli doch nochmal eine Rolle rückwärts. Der Anwalt sagt, Willi Klein hat seiner Frau gedroht, sie totzuschlagen, wenn sie nicht zu ihm zurückkommt. Damit begründet Elli den Rückzug bei ihrem Anwalt, aber der meldet das nicht, sondern akzeptiert die Entscheidung. Ja klar, nee, dann lassen wir das mit der Scheidungsklage.
31:46
Sie traut ihrem Mann also ohne weiteres zu, sie umzubringen, wenn sie sich scheiden lässt. Das ist wohl der Moment, in dem sie sich entscheidet dafür, okay, aber nicht, wenn ich dich zuerst töte.
31:59
Im Prozess kommt auch raus, dass Willi Klein mehrfach versucht hat, sich selbst das Leben zu nehmen, dass er mehrfach versucht hat, sich zu erhängen, dass Elli, und das ist wirklich merkwürdig, ihn aber immer wieder runtergeschnitten hat, wie es heißt.
32:12
Auf die Frage des Staatsanwalts, warum sie ihn nicht einfach am Strick hat sterben lassen, antwortet sie nicht.
32:18
Die neugierigen Berliner stehen übrigens jeden Morgen aufs Neue vor der Tür des Gerichts und wollen rein. Hunderte Menschen und vor allen Dingen Kriminalstudenten. Aber ihnen bleibt nichts anderes übrig, als zu warten, bis die pikanten Details in den Zeitungen erscheinen.
32:37
Extrablatt!
32:38
Extrablatt! Neues im Prozess der Giftmischerinnen. Verlesung der 600 Liebesbriefe. Sind die Mörderin geisteskrank?
32:46
Junge, wir nehmen eine.
32:47
Macht einen Groschen.
32:49
Heizabschneider. Herr Kerle, hör mal, die kleine Blonde weiß nicht mal, wer Bismarck ist. Die, die ihren Kerl vergiftet hat, sitzt wohl nicht auf dem höchsten Ast, wahr? Hier steht, dass er im Rausch war. Im Rausch? Im Liebesrausch.
33:05
Im Liebesrausch war ich noch nie. Na, dit lass mal nicht deine Süße hören. Nicht, dass er dir auch Rattengift serviert. Pff, nicht witzig.
33:15
Jaja, zwei Frauen im Liebesrausch. Diverse medizinische Sachverständige untersuchen Elli Klein und Grete Nebbe im Vorfeld des Prozesses. Unter anderem auch der berühmte Sexualforscher Magnus Hirschfeld.
33:28
Und die Sachverständigen sollen natürlich rausfinden, ob die Frauen zurechnungsfähig sind oder ob Paragraf 51 des StGB Anwendung finden könnte. Ich lese den vor. Wer bei Begehung der Tat wegen einer Geisteskrankheit, Bewusstseinsstörung oder Geistesschwäche nicht in der Lage war, das Unrecht seiner Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, ist nicht zurechnungsfähig und kann nicht bestraft werden.
33:54
Die Beziehung der beiden Frauen wird von den Medizinern bis ins kleinste Detail seziert und interpretiert, vor allem anhand der 600 Liebesbriefe aus dem Berliner Lokalanzeiger. Die Briefe enthalten eine den Leser abstoßende Grausamkeit, gepaart mit betonter Wolllust. Dieser Zustand ist typisch und charakteristisch. Es gehe ein Rauschzustand pathologischer Natur durch die Briefe. Wir fühlen, so sagt der Sachverständige in den Briefen mit, welch ein Gefühlsrausch der Liebe und des Hasses die beiden Frauen durchtobt, insbesondere Frau Klein.
34:31
Aus den Briefen spreche ein Hörigkeitsgefühl der Klein gegenüber ihrer Freundin Nebbe. Trotzdem sie weiß, dass die 600 Briefe äußerst gefährlich werden können, bewahrt sie sie doch in der Bettmatratze auf. Diese Sammelwut sei ein gewisser Fetischismus.
34:50
Also man erklärt sich, dass Ellie diese belastende Korrespondenz nicht vernichtet hat mit einem Fetisch. Ellie bewahrt unter ihrer Matratze übrigens auch die Briefe auf, die sie an Grete geschrieben hat. Sie lässt sie sich nämlich zur sicheren Verwahrung zurückgeben. Und nochmal zur Frage der Zurechnungsfähigkeit. Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld kommt aufgrund mehrfacher Untersuchungen der Angeklagten im Gefängnis zu dem Schluss, dass dieser langsame Giftmord das Ergebnis eines tiefen Hasses sei.
35:21
Bei der Angeklagten Klein bestehe eine körperliche und geistige Entwicklungshemmung, bei der Nebbe eine auf erblicher Belastung beruhende geistige Beschränktheit.
35:31
Diagnose beschränkt. Ellie Klein kann zum Beispiel nicht beantworten, wer Bismarck oder Luther ist. Diese Art von Fragen werden ihr da gestellt. Geisteskrank, da sind sich die Sachverständigen aber weitestgehend einig, ist keine der Frauen. Es erscheinen natürlich auch etliche Artikel, die sich mit der Tatsache befassen, dass es sich hier um zwei lesbische oder bisexuelle Frauen handelt. Das ist schon ein Ding zu dieser Zeit.
36:00
Regina, was hat das denn bedeutet, lesbisch sein um 19,20? Was heißt das?
36:05
Naja, die Frage ist ein bisschen schwer zu beantworten, denn in gewissen Kreisen war das auch so ein bisschen Mode. Und vor allen Dingen aber der große Unterschied, den muss man jetzt wirklich sehen in der männlichen Homosexualität und der weiblichen. Also lesbisch sein war nicht strafbar. Damit konnte man kokettieren. Aber in einfacheren Bevölkerungskreisen, also auch in den Kreisen, aus denen Elli kam und ihre Freunde, Da war das sicher doch ein bisschen was anderes. Da sah man das entschieden enger als in diesen künstlerischen und intellektuellen Kreisen innerhalb Berlins.
36:41
Da gab es einen großen Unterschied zwischen der Einschätzung, aber strafbar war es nicht.
36:46
Weil Lesbischsein auch nicht so ernst genommen wurde, weil es ja für den männlichen Blick einfach vielleicht auch ein bisschen sexy war, anders als Männer.
36:54
In mein 2026-Gehirn geht das gar nicht rein.
36:58
Same. Während des Prozesses erscheint ein Artikel von Dr. Med. Gottlob Mamlock.
37:06
Haben wir uns nicht ausgedacht.
37:08
Und der findet insbesondere die Frage nach dem Warum besonders interessant. Was ist das Ursprüngliche? Haben die angeblich ungeheuerlichen Eheerlebnisse die Frauen zueinander getrieben? Haben sie also aus einer ehelichen Hölle sich in die Freundschaft geflüchtet?
37:26
Oder aber liegt hier von Haus aus eine Abneigung gegen den Mann, vor allem gegen eheliche Gemeinschaft vor und hat diese Veranlagung der Frauen erst zu den Konflikten geführt, deren Opfer sie dann selbst geworden sein wollen.
37:41
Ich übersetze mal, sind sie selber schuld, fragt er hier.
37:45
Weiter.
37:46
Man müsste dann annehmen, und das liegt durchaus im Bereich des sexualpathologisch Möglichen, dass die Frauen in Unkenntnis ihrer wahren Neigungen sozusagen rein schematisch geheiratet haben. Und erst später und allmählich sind sie sich über ihr ganz anders geartetes Liebesleben klar geworden.
38:08
Dieser Text bestätigt das vorherrschende Denken dieser Zeit. Homosexualität wird nicht als völlig normale Variante menschlicher Sexualität gesehen, sondern als eine Art Störung, als etwas Pathologisches und in diesem Fall als Ursache ehelicher Konflikte.
38:26
Auch andere Sachverständige sehen die abweichende Sexualität, wie es dann so schön heißt, der beiden Frauen als Resultat der Perversitäten der Ehemänner.
38:37
Eigentlich alle außer Magnus Hirschfeld, den wir ja vorhin schon erwähnt haben, der vertritt schon damals die gegenteilige Auffassung. Homosexualität ist nichts Erworbenes und schon gar nichts Unnatürliches. Hirschfeld setzt sich übrigens auch schon damals dafür ein, Homosexualität zu entkriminalisieren.
38:56
Flieht allerdings 1933 vor den Nazis ins Exil und seine Forschung geraten über viele Jahrzehnte in Vergessenheit. Wer weiß, wie viel weiter wir heute noch wären, wenn das damals anders gelaufen wäre.
39:09
Weitere Klischees in der Berichterstattung oder was auch sehr klischeehaft ist, eine der Frauen muss natürlich den männlichen Part in der Beziehung haben und das soll laut den Sachverständigen Grete Nebbe sein.
39:20
Die bestreitet übrigens im Prozess trotz der eindeutigen Briefe von den Mordplänen ihrer Freundin überhaupt gewusst zu haben und angeblich hat sie auch nie versucht ihren Mann zu vergiften.
39:32
Bei Wilhelm Nebbe werden in den Haarspitzen allerdings Spuren von Arsen nachgewiesen. Laut Grete, weil er wegen einer Geschlechtskrankheit, vermutlich einer Syphilis, mit einem arsenhaltigen Medikament behandelt wurde. Das hat man tatsächlich damals gemacht. Es wird aber nie eindeutig geklärt, ob Grete ihren Mann auch vergiftet hat oder ob sie vor ihrer Freundin vielleicht auch nur so getan hat.
40:02
Letzter Verhandlungstag. Das Publikum darf endlich wieder in den Sitzungssaal. Die Schlussplädoyers werden gehalten. Den Beginn macht Staatsanwalt Rombrecht, der Ankläger. Ich zitiere aus dem Berliner Lokalanzeiger. Die Tragödie begann, als die beiden Frauen sich kennenlernten. Die Herren Sachverständigen haben alles, was die Angeklagten über ihre Ehe hier vorgebracht haben, als wahr unterstellt. Man muss aber an dieser Erzählung die kritische Sonde anlegen. Bezeichnend ist doch immerhin, dass die Angeklagten in der Voruntersuchung nichts von den Widerwärtigkeiten in der Ehe ausgesagt haben.
40:40
Also er bezweifelt, dass die Frauen wirklich so schlimm misshandelt wurden, weil sie davon ja erst in der Hauptverhandlung erzählen.
40:46
Ja, dass man das nicht jedem auf die Nase bindet und mit wie viel Scham das verbunden ist, die Idee kommt ihm natürlich überhaupt nicht. Der Staatsanwalt erörtert dann, ob Mord oder Totschlag in Frage kommt. Seiner Meinung nach natürlich eindeutig. Das beweisen schon die Briefe, aus denen er dann auch nochmal zitiert. Elli schreibt zum Beispiel, nachdem Willi tot ist, Mein Lieb, nun bin ich erst glücklich, dass ich es für vier Mark geschafft habe und seine gottlose Schnauze gestopft habe.
41:18
Vier Mark haben die zwei Tütchen Rattengift gekostet und das ist natürlich wirklich eine heftige Aussage von ihr.
41:24
Der Staatsanwalt weiter. Sie ist nicht die kleine harmlose Frau, die sie einem unbefangen zu sein scheint. Sie hat vielmehr mit unbeugsamer Härte und Energie den Mann langsam zu Tode gequält. Es liegt hier ein glatter Mord vor. Die angeklagte Nebbe ist keineswegs harmloser. Ich bitte deshalb, die Herren Geschworenen auf Mord zu erkennen und keine mildernden Umstände zu billigen.
41:50
Die Herren Geschworenen, sehr gutes Stichwort, Elli Kleins Verteidiger, Dr. Brandt. Unter den Geschworenen befindet sich nicht eine einzige Frau, die Aufschluss geben könnte über die Leiden einer Frau an der Seite eines solchen Mannes. Und doch, meine Herren Geschworenen, habe ich das Gefühl, dass sie als Männer auch der Psyche dieser Frau gerecht werden.
42:13
Die Angeklagte Klein hat eine einzige Kette von Brutalitäten, Erniedrigungen und sexueller Ausschweifungen der widerwärtigsten Art erdulden müssen. Es handelt sich hier um eine unglückliche Frau an der Seite eines vertierten Mannes.
42:27
Mord kommt nicht in Frage, fährt er fort. Objektiv handelt es sich nach dem Geständnis der Angeklagten um eine vorsätzliche Tötung. Aber subjektiv stehe ich auf dem Standpunkt, dass auch hier keine Bestrafung eintreten kann, weil die Angeklagte wegen ihres Geisteszustandes strafrechtlich nicht verantwortlich ist. Die Geschworenen dürfen sich nicht von einem Freispruch zurückhalten lassen durch den Gedanken, dass dann die Tat nicht gesühnt sei. Die Sühne der Angeklagten ist das Martyrium ihrer Ehe.
42:58
Die Urschuld lag bei dem Mann. Frau Klein ist freizusprechen.
43:04
Keine leichte Aufgabe für die Geschworenen. Liebe Regina, Geschworenen gerichtet, das kennen wir so Jury, das kennen wir aus den USA, aus Gerichtsverhandlungen, aber in Deutschland gibt es das nicht mehr in der Form. Wie hat das damals funktioniert?
43:20
Ja, das gab es tatsächlich noch bis 1924, als man diese ganze Sache dann reformiert hat. Dann gab es nur noch Schöffen, wie heute. Ja, aber zu dieser Zeit, als diese beiden Frauen verurteilt wurden, das war so, dass tatsächlich die Geschworenen diejenigen waren, die über Schuld oder Unschuld entschieden waren. Also sie konnten sagen, schuldig oder nicht schuldig. Und die Richter, die waren praktisch nur diejenigen, die das Strafmaß festgelegt haben.
43:53
Und ja, das war natürlich eine relativ seltsame Angelegenheit, denn die Geschworenen waren ja keine Juristen. Das waren ja relativ normale Leute, aber zum Beispiel Frauen durften keine Geschworenen sein. Es waren nur Männer.
44:13
Und das auch, was ursprünglich ja mal so gedacht war, dass aus allen Bevölkerungsschichten Vertreter bei den Geschworenen, das war auch nicht so. Also im Grunde waren es nur aus höheren Bildungsschichten.
44:25
Ist ja auch wahnsinnig aufwendig, oder? Die alle zu finden und dafür zu verpflichten. Zwölf waren das ja.
44:31
Das war enorm aufwendig und vor allem, das kostete irrsinnig viel Geld, denn man musste ja, man holte glaube ich immer mindestens 30 Kandidaten und einige sagten, ich kann beruflich nicht und ich kann aus dem Grund nicht und das funktioniert auch so nicht. Und dann hatte man vielleicht die 12 und ja, das kostete alles ziemlich viel Geld, denn die kamen ja nicht alle aus Berlin, die mussten ja auch irgendwo untergebracht werden.
45:00
Und ja, das wollte man sich dann auch ersparen. Also so viel Geld hatte ja nun die Weimarer Republik auch nicht und die Justiz und die Polizei schon gar nicht und besonders die Justiz. Und eben gerade wegen dieser Ungerechtigkeit, weil auch es immer wieder gesagt wurde, also die Geschworenen... Die können das gar nicht richtig beurteilen, ob jemand wirklich nun schuldig ist oder unschuldig ist, denn sie lassen sich eventuell auch beeinflussen von der Berichterstattung und sie reagieren vielleicht auch viel zu emotional.
45:34
Und Sympathien und Antipathien spielten da vielleicht auch eine Rolle. Also deshalb hat man das dann 1924 abgeschafft. Und es gab zwar immer noch Schöffen, aber es gab neun Schöffen und drei Richter. Und die entschieden dann über Schuld und Unschuld gemeinsam.
45:58
In unserem Fall fällen noch die Geschworenen das Urteil und so steht es im Sonderbericht der Vossischen Zeitung. Das Urteil im Giftmordprozess Klein-Nebbe wurde gestern Abend nach fünftägiger Verhandlung gefällt. Es lautete, die angeklagte Klein wird wegen Totschlags zu vier Jahren Gefängnis, die angeklagte Nebbe wegen Beihilfe zu einem Jahr sechs Monaten verurteilt.
46:24
Den beiden Angeklagten werden jeder neun Monate der Untersuchungshaft angerechnet. Die angeklagte Rima, das ist die Mutter von Grete Nebbe, wird freigesprochen.
46:34
Also kein Mord. Die Geschworenen folgen offenbar der Verteidigung, nicht der Anklage. Sie machen tatsächlich mildernde Umstände geltend. Das Urteil besagt, dass die Angeklagten ihre Tat nicht mit kalter Überlegung ausgeführt haben, sondern im Zustand des Affekts. Das heißt, in einer Gefühlsaufwallung, unbändiger Hass, Widerwille, Ekel gegen den brutalen und rücksichtslosen Mann, übermäßige Liebe zueinander bilden die Kräfte, die die Angeklagten immer wieder zur Tat antrieben.
47:09
Und das ist natürlich schon ein bisschen verrückt, nachdem wir wissen aus den Briefen, mit wie viel Kalkül und Überlegung dieser Mord begangen wurde.
47:18
Die Reaktionen auf das Urteil sind auch durchaus gespalten. Auf der einen Seite haben wir konservative Stimmen, die fordern die Abschaffung des geschworenen Gerichts, was dann ja auch später passiert tatsächlich.
47:29
Progressivere Stimmen sehen in dem ganzen Prozess aber auch eine Chance.
47:34
Durch Tradition und Gesetz geheiligte eheliche Knechtschaft, Brutalität des Herren der Schöpfung, des Mannes im ehelichen Leben, bildet den sozialen Hintergrund des Dramas. So werden die Frauen schuldlos schuldig.
47:49
Schuldlos schuldig. Waren Elli und Grete schuldlos schuldig? Darüber kann man sicherlich diskutieren. Vielleicht habt ihr auch Lust dazu in den Kommentaren. Wir lesen die übrigens alle.
48:00
Was aus Grete und Elli wird nach ihren Gefängnisstrafen, konnten wir leider nur teilweise herausfinden. Über Elli gibt es gar keine Dokumente in den Standesämtern. Margarete Nebbes Ehe wurde, wenig überraschend, kurz nach der Verhandlung geschieden. Von ihr konnten wir die Sterbeurkunde finden. Sie ist 1977 im Alter von 81 Jahren in Lichtenberg gestorben. Geheiratet hat sie vermutlich nicht nochmal. Sie trägt zumindest ihren Mädchennamen, als sie stirbt.
48:29
Falls ihr in einer gewaltvollen Beziehung seid und Hilfe braucht, wir verlinken euch Anlaufstellen in den Shownotes.
48:36
Nächste Woche ist dann wieder unsere Elli dran, Elvira Siebert. Einer eurer Lieblings-Podcast-Hosts von Im Visier.
48:44
Neben Uwe Madl.
48:45
Neben Uwe Madl, den wollen wir nicht vergessen. Und in zwei Wochen dann wieder Crime History.
48:50
Danke, Regina Styrico. Danke.
48:51
Tschüss, bis zum nächsten Mal.
48:53
Und übernächste Woche gibt es auch einen richtig spannenden Fall. Ganz Berlin sucht den Raubmörder Rudolf Hennig. Und der spielt ganz schön Katze und Maus mit der Polizei.
49:03
Fuchs und Dachs eigentlich. Aber dazu dann mehr in zwei Wochen. Tschüss. Tschüss.
49:13
Crime History ist ein Podcast vom rbb. Produziert von Bose Park Productions. Moderation Jana Falkenstein und Florian Prokop.
49:23
Redaktion Dörte Kaspari und Jörg Simon. Story und Recherche. Laila Melis und Lena Neff. Kamera, Ton, Schnitt, Kaha Gazarian und Alexander von Wagen. Projektleitung Bosepark, Jelena Berner. Producer Bosepark, Suholder und Chris Guse. Distribution, Nina Klippel und Lea Steinbach. Produktionsleitung, RBB, Tatjana Wilbens.