00:01
Eine Frau, die plötzlich verschwindet. Ein unscheinbares Bild, das viele Fragen aufwirft. Und eine Hochzeitsfeier, die ein lang gehütetes Geheimnis ans Licht bringt. Heute bei Spurlos.
00:23
Happy Birthday to you. Happy Birthday to you. Happy Birthday, liebes Spurlos. Happy Birthday to you. So, Happy Birthday, liebes Spurlos. Liebe Sylvie, lieber Migo, wir haben 100.
00:41
Wir haben 100. Es ist unglaublich. Ich kann es gar nicht glauben.
00:44
100 Folgen, Sylvie. Wahnsinn. Mal Handshake hier über den Tisch. Ja, über den Tisch.
00:48
Warte, oh, Mikro, sorry.
00:51
Entschuldigung, ihr könnt sie sehen. Uns wurde hier auch was Prickelndes hingestellt. Aber Silvi, ich glaube, das heben wir uns lieber für später auf. Ich bleibe beim Fencheltee. Prost auf die nächsten 100. Und euch auch ganz lieben Dank natürlich für eure Treue, euren Support, eure Rückmeldungen, eure Begeisterung, eure Kritik. Wir finden es großartig. Es macht uns einen Heidenspaß. Und solange es irgendwie geht, machen wir weiter. Machen wir weiter.
01:21
Ganz genau so. Und vielleicht für alle Neuen, weil wir bekommen natürlich immer noch neue Hörer in unserer Community dazu. Was ist spurlos? Was macht spurlos? Sylvie, erklär es doch mal.
01:32
Was erzählen wir hier für Geschichten? Wir erzählen die Geschichten von Menschen, die spurlos verschwunden sind. Wir erzählen von Suchen, von Ermittlungen. Das ganze Thema bilden wir ab.
01:44
Also es geht um die unterschiedlichsten vermissten Fälle. Wir gehen auch neuen Hinweisen nach.
01:50
Und ich glaube, das unterscheidet uns, glaube ich, auch von vielen anderen Podcasts. Wir lösen hier auch ganz oft Fälle auf. Und es gibt manchmal sogar sozusagen live in Anführungszeichen und eher die Zusammenführung bei uns. Aber es gibt eben auch genauso und auch schon von Anfang an die True Crime Fälle, die Cold Cases. Es geht manchmal um Familientragödien. Es geht ums Thema Stalking, Lebensretter, Sekten, Entzug bei Scheidungsfällen, wenn einer ein Kind einfach mitnimmt.
02:24
Also wenn jemand spurlos verschwindet, dann sprechen wir drüber.
02:29
Und genau das tun wir natürlich auch heute. Und wie würdest du die Klammer unserer heutigen Geschichte beschreiben?
02:38
Ja, manchmal beginnt so ein Spurlosfall. Nicht mit einer Familientragödie, nicht mit einem dramatischen Ereignis, sondern mit einer Reihe scheinbar harmloser Zufälle. Und was bleibt, sind Angst und Hoffnung und Fragen, die Jahr für Jahr unbeantwortet bleiben. Und genau darum geht es in unserer heutigen Geschichte.
02:59
Zwei Menschen verschwinden, es gibt keine Spur, es gibt keine Nachricht und es gibt auch keine Erklärung. Was bleibt, sind Fragen und ein Abschied, der im Rückblick in einem völlig anderen Licht erscheint.
03:16
Es ist ein Tag in Heidelberg im Herbst 1983. Es regnet. Zwei Menschen gehen die Straße entlang, ein Mann und eine Frau. Die Frau hält einen Regenschirm über sich. Sie trägt einen dunklen Mantel und darunter schwarze Kleidung.
03:31
Ihren Schal hat sie eng um den Hals gewickelt. Immer wieder zieht sie ihn ein wenig fester, als würde sie frösteln. Auch der Mann neben ihr ist in schwarz gekleidet. Er hat eine dunkle Regenjacke an, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Von seinem Gesicht ist kaum etwas zu erkennen. Er sagt nichts. Er geht einfach neben der Frau her. Beide wirken, als wären sie mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt. Oder als wollten sie um jeden Preis vermeiden, miteinander zu sprechen.
04:02
Der Mann heißt Rocco. Nach einigen Metern bleibt er plötzlich stehen. Er sieht sich kurz um, als suche er jemanden. Nicht lange, nur ein Moment. Dann nickt er der Frau zu. Die beiden wechseln die Straßenseite.
04:17
Rocco geht ein paar Schritte voraus. Die Frau folgt ihm. Sie schaut sich ebenfalls um, so als würde sie auf jemanden warten. Doch da ist niemand. Dann bleibt Rocco vor einem Hauseingang stehen. Er greift in die Tasche seiner Jacke und zieht einen Schlüsselbund heraus. Die Frau wartet. Rocco zögert. Er blickt noch einmal die Straße hinunter. Aber es ist niemand zu sehen. Er schließt die Türe auf und die beiden betreten das Haus.
04:46
Rocco kann nicht ahnen, dass sich an diesem Herbsttag sein Leben für immer verändern wird. Dass etwas geschehen wird, das niemand vorhersehen konnte und dass er sich noch viele Jahre später an Kleinigkeiten erinnern wird. An den Schal der Frau an seiner Seite, an den Schlüssel in seiner Hand, an diesen Hauseingang. Denn es wird jemand verschwinden, spurlos und plötzlich erscheint alles in einem anderen Licht.
05:20
Rocco wird sich jahrzehntelang fragen, was an diesem Tag wirklich geschehen ist. Er wird suchen und er wird diesen Tag in Gedanken immer wieder durchgehen. Hätte er etwas bemerken müssen? Welches Detail hat er übersehen? Und vor allem, warum ist dieser Mensch verschwunden?
05:38
Ich habe schon manchmal Gedanken, dass was vielleicht passiert ist, was Schlimmes passiert ist. Die Gedanken habe ich oft, weil ich es einfach nicht verstehe. Ich muss wissen, was los ist, was passiert ist.
05:51
Rocco wird jahrelang von der quälenden Angst verfolgt, dass etwas Schreckliches geschehen ist. Oder unmittelbar bevorsteht. Nachts liegt er oft wach, erstarrt in die Dunkelheit und spielt immer wieder dieselben Gedanken durch. Was, wenn tatsächlich etwas passiert ist?
06:09
Was, wenn es noch passieren wird? Und was, wenn er es nicht verhindern kann? Hat er etwas übersehen? Etwas Entscheidendes, das den Lauf der Dinge unwiderruflich verändert hat? Ein Moment, ein Zeichen, eine Warnung, die er nicht erkannt hat. Etwas, das längst in Gang gesetzt wurde und das sich jetzt nicht mehr aufhalten lässt.
06:30
Rocco begleitet diese Angst schon seit vielen Jahren. Er lebt seinen Alltag, er geht zur Arbeit, er spricht mit anderen, er hilft, wo er kann und er lacht auch oft. Nach außen scheint alles seinen gewohnten Gang zu gehen. Doch der Schein trügt und niemand würde ahnen, welcher Schmerz und welche Qual sich hinter Roccos freundlichem Lächeln verbergen.
06:52
Als ich Rocco kennengelernt habe, da habe ich zunächst mal wirklich einen unglaublich freundlichen und warmherzigen Menschen da entdecken können.
07:02
Er war auf eine ganz herzliche Art eher zurückhaltend. Vielleicht passt dein Wort, das so ein bisschen aus der Mode gekommen ist. Er wirkte irgendwie bescheiden, finde ich. Also er war einfach kein Mensch, der sich in den Mittelpunkt drängen wollte. Er braucht also jetzt nicht die große Bühne oder hat sich selbst in unseren Gesprächen besonders herausgestellt, also hervorgetan. Aber gleichzeitig habe ich auch sehr schnell gemerkt, dass da noch mehr ist. Also etwas, das er so mit sich rumträgt, das kann man dann relativ schnell spüren, finde ich.
07:38
Eine Angst oder einen Schmerz habe ich gespürt, also dass ihn irgendwas sehr quält und belastet.
07:45
Und als ich dann seine Geschichte gehört habe, da war mir alles klar. Rocco hat etwas erlebt, das man nicht so einfach hinter sich lassen kann. Seine Vergangenheit hat ihn verfolgt. Sie war Teil seines Lebens geworden, auch wenn er nach außen hin immer ganz tapfer versucht hat, ganz normal weiterzuleben.
08:05
Rocco wird 1963 in Heidelberg geboren. Er ist das erste Kind von Monika und Adriano.
08:13
Die Ehe seiner Eltern zum Zeitpunkt seiner Geburt noch glücklich war, das weiß Rocco nicht. Denn ein Jahr nach Rocco kommt seine Schwester Rita zur Welt, aber kurze Zeit später bricht dann alles zusammen. Roccos Vater verlässt die Familie, er ist Italiener und er geht wieder zurück in seine Heimat.
08:31
Für Rockos Mutter Monika beginnt nun ein absoluter Albtraum. Von einem Tag auf den anderen ist sie plötzlich ganz allein mit zwei Kleinkindern. Rocko ist gerade zwei Jahre alt und seine Schwester Rita ist erst eins. Geld hat Monika kaum und die Unterstützung reicht hinten und vorne nicht.
08:48
Sie muss also schnell eine Lösung finden. Sofort macht sie sich auf die Suche nach Arbeit und sie findet schon bald eine Stelle in einer Fabrik. Gleichzeitig muss sie ihre alte Wohnung aufgeben, denn die Miete kann sie sich jetzt nicht mehr leisten.
09:03
In der Nähe ihres neuen Arbeitsplatzes findet sie schließlich eine kleine Einzimmerwohnung. Dort kommen sie und ihre beiden Kinder jetzt unter.
09:11
Und man muss sich wirklich die Situation der alleinerziehenden Mütter in dieser Zeit, also es waren Mitte der 60er Jahre, vorstellen. Es gab da kaum Unterstützung. Du bist da aus dem System gefallen. Betreuungsangebote für so kleine Kinder, die Kleine ist ja ein Baby, die sind praktisch damals nicht vorhanden. Also wer arbeiten musste, der stand dann plötzlich vor fast unlösbaren Problemen.
09:34
Monika hat also keine Wahl. Sie muss ja Geld verdienen, sonst kann sie ihre kleine Familie nicht versorgen. Und jeden Morgen stellt sie sich dieselbe Frage. Wer kümmert sich in dieser Zeit um meine Kinder, um Rocco und Rita?
09:49
Das Betreuungsproblem ist also gewaltig. Das gesellschaftliche Ideal sieht damals auf jeden Fall noch vor, dass die Mutter zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. Aber dazu braucht es halt auch einen Vater, der arbeiten geht und Geld verdient. Da hakt das System sozusagen. Für berufstätige Alleinerziehende gibt es einfach keine richtigen Lösungen. Monika braucht dringend Hilfe. Alleine, das ist klar, kann sie es nicht schaffen. Und deswegen müssen Verwandte oder Nachbarn einspringen und die Kinder betreuen.
10:20
Es würde noch eine Möglichkeit geben, und zwar die Kinder in einer Pflegefamilie oder in einem Heim unterzubringen. Aber das kommt für Monika natürlich überhaupt nicht in Frage.
10:30
Ja, und wirklich, um es nochmal zu erwähnen, zu dieser finanziellen Belastung und diesem Betreuungsproblem täglich kommt einfach hinzu, eine Mutter, die alleine für ihre kleinen Kinder sorgen muss, die fällt in den 60er Jahren, in dieser Zeit, wo man dieses Bild der ganz klassischen Familie, also mit dem Vater als Ernährer hatte, die fällt da aus dem gesellschaftlichen Rahmen. Die wird auch geächtet, ganz klar.
10:57
Ja, ja.
10:59
Viele alleinerziehende Frauen stehen deshalb am Rand der Gesellschaft. Sie müssen nicht nur ihre finanziellen Probleme bewältigen, sondern sie kämpfen Tag für Tag gegen Vorurteile. Viele Menschen begegnen ihnen mit Mitleid, andere mit Skepsis oder sogar mit offener Herablassung. Und genau das bekommt auch Monika immer wieder zu spüren.
11:20
Für Monika beginnt damit ein täglicher Kampf. Sie nimmt jede Schicht an, die sie in der Fabrik bekommen kann, denn ihr Lohn ist die wichtigste Einnahmequelle der kleinen Familie. Trotzdem muss sie jeden Pfennig zweimal umdrehen. Nachdem die Miete bezahlt und die nötigsten Lebensmittel eingekauft sind, bleibt kaum etwas übrig. Alte Kleidung wird geflickt, Kinderschuhe werden so lange getragen, bis sie fast auseinanderfallen und ungeplante Ausgaben bringen sie oft in existenzielle Schwierigkeiten.
11:50
Das hat sich Monika sicher auch anders vorgestellt, als sie Mama wurde. Wahrscheinlich hat auch sie von einem ganz normalen Familienleben geträumt. Davon, dass ihr Mann das Geld verdient, während sie sich liebevoll um die Kinder kümmern kann. Von einem Zuhause, in dem die Verantwortung auf mehreren Schultern verteilt ist und in dem man sich gegenseitig unterstützt, wenn das Leben schwierig wird. Stattdessen muss Monika alles allein bewältigen.
12:16
Zum Glück wohnen Monikas Eltern auch in Heidelberg. Aber beide sind noch berufstätig und zwar Vollzeit. Rokos Oma arbeitet in einer Fabrik. Sie steht jeden Tag in einem Pharmawerk an den Maschinen und sein Opa ist Angestellter in einem großen Kaufhaus. Viel Geld haben auch sie nicht. Sie müssen... selbst jeden Monat sehen, wie sie über die Runden kommen. Aber wo immer es möglich ist, versuchen die Großeltern zu helfen. Sie stimmen ihre Arbeitszeiten mit Monikas Schichten ab, sie tauschen Dienste oder nehmen Umwege in Kauf, damit Rocco und Rita nicht allein sind.
12:51
Also oft verbringen die Kinder den Tag bei der Oma oder bei dem Opa.
12:55
Ja, darüber habe ich ja auch schon öfters was gesagt. Es wird viel zu wenig darüber gesprochen. Ich nenne es immer die alleinerziehenden Großeltern, ohne die es in ganz vielen Fällen überhaupt nicht gehen würde. Und soweit ich es verstanden habe, gibt es da auch keine weiteren Verwandten, also keine Tanten oder Cousinen, kein weiteres familiäres Netz, in dem es Unterstützung gäbe. Es gibt nur Rokos Großeltern und die Mutter.
13:19
Ja, es gibt nur Monika und die Großeltern und Monika muss oft improvisieren. Wenn jemand kurzfristig absagt oder eine Schicht dazukommt, dann steht sie sofort vor einem riesigen Problem. Aber zum Glück findet sich am Ende immer eine Lösung. Und diese ständige Unsicherheit, die kostet Monika unglaublich viel Kraft. Sie kann im Grunde nie sicher sein, wie die nächste Woche oder manchmal sogar der nächste Tag aussehen wird.
13:43
Genau, weil wenn es gar nicht anders geht, dann fragt sie halt auch irgendeine beiläufige Nachbarin oder so, die dann mal Ja sagen, mal Nein sagen. Und das bedeutet für die Kinder natürlich auch, dass sie überhaupt nicht wissen, wer passt eigentlich morgen auf mich auf. Ständig wechseln diese Personen und können so gar nicht zu Bezugspersonen werden. Und gerade für so kleine Kinder ist es natürlich total belastend.
14:07
Alleinerziehend zu sein ist immer noch unglaublich schwer und bedeutet ganz viele große Nachteile. Mitte der 60er Jahre war es kaum zu stemmen.
14:17
Und so geht das ein Jahr lang, aber dann ist allen klar, dass sich etwas ändern muss. Eines Abends sitzen Monika und ihre Eltern zusammen am Küchentisch. Die Kinder schlafen schon. Monika sieht müde aus, die vergangenen Monate haben ihre Spuren hinterlassen. Ständig rennt sie gegen die Zeit an, sie organisiert die Kinderbetreuung, sie arbeitet in Schichten, sie sorgt für die Kinder und versucht dabei, irgendwie nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.
14:42
Und auch ihre Eltern sind erschöpft. Auch sie sind inzwischen an ihre Grenzen gekommen. Sie helfen, wo sie können. Tag für Tag steigen sie nach der Arbeit noch in den Bus, fahren quer durch die Stadt, holen die Kinder bei Bekannten oder Nachbarn ab und bringen sie dann wieder zu Monika. Oder sie nehmen sie für einige Stunden zu sich. Sie sind nicht mehr jung und sie merken selbst, dass ihre Kräfte langsam nachlassen. Allen drei ist klar, auf Dauer lässt sich dieses Leben nicht aufrechterhalten.
15:10
An diesem Abend sprechen sie ganz offen darüber. Und es ist kein leichtes Gespräch, denn egal, welche Lösung sie finden, sie wird schmerzhaft sein. Aber genauso klar ist auch, wenn sich nichts ändert, dann droht die Situation irgendwann zusammenzubrechen.
15:26
»Vielleicht gibt es eine Lösung«, sagt der Großvater.
15:29
»Monika, sieh den an. Der kleine Rocco könnte zu ihnen, zu seinen Großeltern ziehen«, sagt er.
15:36
Der Opa erklärt, dass sie das schaffen könnten. Natürlich würde das nicht einfach werden, aber ein kleines Kind könnten er und seine Frau neben ihrer Arbeit betreuen. Es würde anstrengend werden, natürlich, aber irgendwie ließe sich das alles organisieren. Irgendwie würden sie das hinbekommen.
15:53
Den Großeltern ist natürlich klar, was das für die Mutter, also für Monika, bedeuten würde. Sie wissen, wie sehr sie an ihren beiden Kindern hängt. Sie sehen ihr ja jeden Tag an, dass Rocco und Rita ihr ganzer Lebensinhalt sind. Und sie denken auch an Rocco, an einen zweijährigen Jungen, der seine Mama liebt und sie vermissen wird.
16:12
Eigentlich, davon sind die Großeltern überzeugt, gehört so ein kleines Kind zu der Mama und zu seiner Schwester. Aber die Umstände zwingen sie, anders zu denken. Denn mit nur einem Kind könnte Monika den Alltag sehr viel leichter bewältigen. Sie müsste nicht zwei kleine Kinder versorgen. Rocco wird jetzt drei und er kommt bald in den Kindergarten. Darauf bauen die Großeltern. Sie glauben, dass sie es schaffen können. Sie trauen sich dieser Aufgabe zu.
16:40
Allen dreien ist völlig klar, was hier auf dem Spiel steht. Keiner spricht es laut aus, aber sie wissen genau, es geht hier nicht nur um die Frage, wer auf die Kinder aufpasst. Es geht hier um die Zukunft der ganzen Familie. Wenn sie keine dauerhafte Lösung finden, wenn sie scheitern, dann würden die Behörden eingreifen und die Kinder möglicherweise in einer Pflegefamilie oder in einem Heim unterbringen. Dieser Gedanke, der steht unausgesprochen im Raum und er macht allen Angst.
17:09
Ein Moment lang sagt niemand etwas, dann nickt Monika schweigend und damit ist es entschieden. Rocco wird zu seinen Großeltern ziehen. Jetzt kommt Werbung.
17:22
Also Silvi, ich mag ja total so Morgenroutinen, wie zum Beispiel meinen Kaffee am Morgen, wie ich den genau trinke, wann, wie, wo, was. Ich liebe Routinen. Magst du das auch?
17:32
Ja, total. Das ist ganz wichtig.
17:33
Und auf der anderen Seite gibt es ja auch so gesunde Routinen. Das finde ich auch so toll, wenn man das so gut in seinen Alltag einbauen kann. Also gewisse Routinen, aber auch so Nahrungsergänzungen können auch extrem viel bewirken. Also mit so einem kleinen Schritt jeden Tag machst du ganz viel und legen dann ein stabiles Fundament.
17:50
Unser heutiger Werbepartner ist Biogena mit Biogena One, dem All-in-One-Drink für mehr Wohlbefinden. Biogena One unterstützt zum Beispiel den Energiestoffwechsel, reduziert Müdigkeit, fördert Konzentration.
18:06
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18:28
Biogena One steht auch für ganzjährige Immununterstützung. Biogena One liefert dir eine tägliche Portion ausgewählter Nährstoffe, um die Firewall deines Körpers das ganze Jahr über dauerhaft zu unterstützen. Du trägst aktiv zu einem gesunden Immunsystem bei und fühlst dich damit stark und sicher. Die Vitamine A, C, D, B6, B12 und Folat sowie die Mineralstoffe Zink, Kupfer, Selen und Eisen tragen zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei.
18:55
Und ich glaube, wir haben es noch gar nicht erklärt. Das sind so Einzelportionen. Das rührst du einfach in Wasser an, schmeckt nach Apfel, Kiwi. Also richtig lecker. Gut zu trinken. Und somit ein perfekter Begleiter im stressigen Alltag kannst du dir auch in Einzelportionen mitnehmen. Biogena setzt auf Markenrohstoffe und hat über 20 Jahre Mikronährstofferfahrung. Hergestellt in deiner halben Heimat in Österreich, genauer gesagt in Salzburg, von einem der größten Wissenschaftsteams der Branche entwickelt.
19:26
Damit ihr euch auch von Biogena One überzeugen könnt, gibt es exklusiv einen Code für euch. Mit TestOne69, alles zusammengeschrieben, bekommt ihr das One Starter Bundle für 69 Euro statt 129 Euro.
19:40
Das ist aber einer der besten Codes, die wir hier je hatten.
19:44
Ja, und der Code ist nur gültig für Neukunden von Biogena One auf biogena-one.com.
19:51
Wahnsinnig viele Informationen. Den Link und all diese Infos findet ihr ganz in Ruhe nochmal in unseren Shownotes. Werbung zu Ende.
20:05
Rita weiß natürlich auf der einen Seite, dass das Kind bei den Großeltern in besten Händen ist, aber sie weiß auch, was das dann wirklich jeden Tag in der Realität bedeutet. Sie kann ihr Kind nicht mehr jeden Tag ins Bett bringen, keine Gute-Nacht-Geschichte mehr vorlesen, nicht mehr hören, wie er morgens verschlafen Mama ruft und sie wird auch nicht dabei sein, wenn er neue Wörter lernt oder irgendwas Lustiges entdeckt. Und natürlich kann sie Rocco immer besuchen. Sie wird ihn also oft und regelmäßig sehen.
20:36
Aber sie weiß, es gibt keinen Alltag mehr.
20:40
Als ich bei meinen Großeltern war, war für mich eigentlich ganz normal. Die waren für mich wie meine Eltern. Ich wusste ja, meine Mutter ist in der Nähe. Wenn was ist, konnte ich hin. Oder sie haben, wie gesagt, uns oft besucht. Für mich war meine Oma eigentlich die Ersatzmutter.
20:59
Rocco besucht seine Mutter und seine Schwester so oft wie möglich. Fast jedes Wochenende fährt er zu ihnen und verbringt Zeit mit den beiden. Manchmal übernachtet er sogar in der kleinen Einzimmerwohnung, die Monika für sich und Rita gemietet hat. Dann schlafen sie eng beieinander und für kurze Zeit fühlt es sich für Rocco wieder ein bisschen wie eine richtige Familie an.
21:20
Monika und Rita kommen auch oft zu den Großeltern zu Besuch. Sie trinken dann gemeinsam Kaffee, essen zusammen zu Abend und nutzen jede Gelegenheit, um Zeit miteinander zu verbringen. Die Familie ist jetzt auf zwei Haushalte verteilt, doch alle versuchen, das Beste draus zu machen.
21:37
Im Grunde waren wir eine glückliche Familie. Auch wenn ich bei Oma und Opa groß geworden bin, alles war gut. Meine Schwester und meine Mutter waren herzliche Menschen. Sie haben viel gelacht, viel Blödsinn gemacht, immer wieder rumgealbert und waren eigentlich alle lebensfroh.
21:54
Die Situation entspannt sich jetzt einigermaßen. Die Mutter kann Rita recht gut unterbringen, wenn sie arbeitet und die Großeltern kümmern sich um Rocco. Besonders wichtig ist den Erwachsenen, dass die Geschwister den Kontakt zueinander nicht verlieren. Deswegen achten alle darauf, dass Rocco und Rita so viel Zeit wie möglich miteinander verbringen können. Rocco fühlt sich bei Oma und Opa wohl und ist dort glücklich. Aber natürlich vermisst er seine Mama und seine kleine Schwester auch. Besonders schwer wird es immer dann, wenn ein gemeinsames Wochenende zu Ende geht.
22:25
Wenn die Zeit mit Mama und Rita vorbei ist und er sich wieder verabschieden muss. Dann klammert er sich manchmal an seine Mutter und will sie gar nicht loslassen.
22:35
Meine Gefühle für meine Mutter und meine Schwester sind sehr stark. Meine Schwester und ich waren schon sehr innig, fast wie Zwillinge. Es sind schon starke Gefühle. Ja.
22:49
Die Großeltern genießen jeden Moment mit ihrem Enkel. Nach einem langen Arbeitstag nehmen sie sich Zeit für Rocco, sie spielen mit ihm, sie lesen ihm vor oder hören geduldig zu, wenn er von seinen Erlebnissen und seinem Tag erzählt. Rocco liebt seine Mutter und er vermisst sie auch. Und es gibt Tage, an denen er sich wünscht, bei ihr und bei seiner kleinen Schwester zu sein. Aber sein Zuhause, das sind die Großeltern und Rocco liebt sie über alles.
23:15
Ich habe von meinem Opa alles bekommen. Mein erstes Rennrad, meine Oma war dagegen. Da hat es versteckt, ich bin dann heimlich gefahren. Mein Großvater war sehr heftig, sehr liebevoll, der war überall beliebt. Und der war halt nicht so streng wie meine Oma. Meine Oma war sehr streng und sie war auch lieb auf ihre Art. Aber sie war halt schon viel strenger als mein Opa. Und hat auch nicht alles durchgehen gelassen.
23:37
Als Rocco sechs Jahre alt ist, verändert sich das Leben der Familie. Ausgerechnet in dem Moment, in dem sein Opa nach vielen Jahren Arbeit in den Ruhestand geht und damit eigentlich etwas Ruhe einkehren könnte, verliert Monika ihre Stelle in der Fabrik. Wieder einmal steht sie vor einer ungewissen Zukunft, wieder einmal muss sie überlegen, wie es weitergehen soll. Doch diesmal bietet sich ihr unerwartet eine Chance. Monika erhält nämlich ein Jobangebot. Kein gewöhnliches Angebot, sondern eines, das ihr Sicherheit verspricht.
24:06
Eine feste Anstellung, ein verlässliches Einkommen und damit die Aussicht auf ein Leben ohne die ständige Angst vor der nächsten Rechnung. Sogar für die Betreuung von Rita wäre gesorgt. Für Monika ist das eine Gelegenheit, die sie kaum ausschlagen kann. Doch es gibt einen Haken. Der neue Arbeitgeber sitzt in Münster. Und Münster ist 400 Kilometer von Heidelberg entfernt.
24:27
Natürlich möchte die Mutter Rocco mitnehmen. Zum ersten Mal seit Jahren scheint die Möglichkeit greifbar, wieder mit beiden Kindern unter einem Dach zu leben. Aber alles spricht dagegen. Denn Rocco ist gerade eingeschult worden. Und dass der Opa jetzt in Rente geht, erleichtert das Leben der Großeltern enorm. Ein Wechsel nach Münster würde bedeuten, dass Rocco sein vertrautes Umfeld, also die neue Schule und die neuen Freunde, zurücklassen müsste.
24:54
Und deshalb entscheidet die Mutter. Rocco bleibt in Heidelberg. Und sie und Rita, die kleine Schwester, ziehen ohne ihn nach Münster. Wenn sich alles so entwickelt, wie Monika es sich erhofft und wenn sie in Münster Fuß fassen könnte, dann möchte sie Rocco nachholen. So schnell wie möglich. Aber jetzt heißt es erstmal Abschied nehmen.
25:16
Also der Rocco, der ist sechs Jahre alt und der weiß natürlich an dem Punkt noch nicht, dass sein Leben noch ganz viel weitere Abschiede für ihn bereithält und dass einer dieser Abschiede alles verändern wird.
25:30
Ich weiß, ich kann jederzeit zu euch kommen. Ich kann euch immer besuchen. Ich bin immer willkommen. Ihr seid aus der Welt. Ich weiß, wo ihr seid. Und da war das für alle eigentlich okay soweit.
25:42
In Münster läuft alles perfekt. Monika, die so schwere Jahre hinter sich hat, fasst in ihrem Job und in der neuen Stadt Fuß. Nach all den Jahren voller Sorgen und Unsicherheit kehrt zum ersten Mal so etwas wie Stabilität in ihr Leben ein.
25:56
Ja, eine tapfere Frau. Also als sie die Arbeit verliert, packt sie die Sachen und zieht 400 Kilometer weit weg nach Münster und beginnt da nochmal von vorn gezwungenermaßen, Allein der Schritt verlangt einer Frau damals in den 60er Jahren noch viel mehr Mut ab. Und dann passiert noch etwas, womit vielleicht an dem Punkt niemand gerechnet hätte.
26:20
Monika lernt einen Mann kennen. Er heißt Ian, er ist Soldat der britischen Armee und in Münster stationiert. Sie begegnen sich zufällig, sie unterhalten sich, treffen sich wieder und sie verbringen Zeit miteinander. Und je öfter sie sich sehen, desto mehr merkt Monika, dass da etwas entsteht, das sie schon ganz lange nicht mehr gespürt hat. Nach all den Jahren voller Sorge, Entbehrung und Verantwortung und Vermissen verliebt sich Monika.
26:48
Als Rocco den neuen Freund seiner Mutter bei einem Besuch in Heidelberg kennenlernt, ist er sofort begeistert. Zwischen den beiden stimmt die Chemie von Anfang an und Rocco mag Ian auf Anhieb. Und vielleicht ist da auch die Hoffnung, dass mit Ian nun endlich wieder alle zusammenkommen könnten. Seine Mama, seine Schwester und er. Und dass sie vielleicht irgendwann eine richtige Familie sein könnten. Eine Familie, wie seine Freunde sie haben.
27:13
Als Rocco zwölf Jahre alt ist, steht die Familie erneut vor einer Entscheidung, die alles verändern wird. Denn Ian soll zurück nach England versetzt werden. Für Monika und Rita ist schnell klar, dass sie mitgehen wollen. Sie haben sich in den vergangenen Jahren in Münster ein gemeinsames Leben mit Ian aufgebaut. Und nun wartet auf der anderen Seite des Ärmelkanals ein neuer Anfang auf sie.
27:36
Monika kommt nach Heidelberg und setzt sich mit ihrem Sohn zusammen. Sie fragt ihn, ob er mitkommen möchte. Jahrelang hat sich Rocco gewünscht, wieder mit seiner Mama und seiner Schwester zusammenzuleben. Jahrelang hat er davon geträumt, nicht nur Besucher in ihrem Leben zu sein, sondern wieder Teil ihres Alltags.
27:54
Nun könnte dieser Wunsch tatsächlich Wirklichkeit werden. Wenn er nach England geht, bekommt er das, wonach er sich so lange gesehnt hat. Seine Mutter, seine Schwester und eine Familie, ein gemeinsames Zuhause. Aber dafür müsste er etwas anderes opfern, zurücklassen, seine Großeltern.
28:14
Und Rocco sieht, dass die beiden nicht mehr dieselbe Kraft haben wie früher. Er merkt, dass sie ihn brauchen. Sein ganzes Leben lang waren sie für ihn da. Sie haben ihn aufgenommen, als seine Mama nicht mehr weiter wusste. Sie haben ihn großgezogen, ihm sein Zuhause gegeben und auf ganz vieles verzichtet, nur damit es ihm gut geht. Und Rocco bleibt. Er bleibt bei Oma und Opa. Er bleibt bei den Großeltern. Und das sagt er schließlich seiner Mutter.
28:44
Ich weiß, dass sie gesagt hat, Rocco, das ist deine freie Entscheidung. Wenn du hier bleiben willst, verstehe ich das. Wenn du mit willst, ist das in Ordnung.
28:53
Und nun heißt es für Rocco Abschied nehmen. Wieder einmal. Er weiß, dass er jederzeit zu seiner Mutter und zu ihr nach England ziehen könnte. Die Tür dort steht ihm offen. Daran lässt seine Mutter keinen Zweifel. Sie sagt ihm immer wieder, dass er willkommen ist. Dass bei ihr und Ian ein Zimmer auf ihn wartet. Und dass sie sich freuen würde, ihn jeden Morgen beim Frühstück zu sehen. Und nicht nur in den Ferien.
29:14
Manchmal denkt Rocco darüber nach, wie es wäre, nach England zu gehen und bei seiner Mutter Rita und Ian zu leben. Aber dann passiert etwas, dass Rocco den Boden unter den Füßen wegzieht, sein Großvater verunglückt.
29:26
Ein Fahrradunfall, er wurde angefahren, weil er viel mit dem Fahrrad unterwegs war. Da war er alleine unterwegs, ist vom Auto angefahren worden.
29:35
Der Großvater stirbt einen Tag nach dem Unfall im Krankenhaus. Für Rocco ist das ein Schock. Sein Opa war der Mann, der ihn großgezogen hat. Er war seine Vaterfigur, sein Zuhause, sein Verbündeter. Und er vermisst ihn unbeschreiblich. Zu Roccos Trauer um den Opa kommt aber noch etwas hinzu. Etwas, das ihn sehr belastet. Rocco merkt, wie verloren seine Oma jetzt manchmal wirkt. Und während er selbst versucht, mit seiner Trauer umzugehen, fragt er sich immer häufiger, wie es mit seiner Oma nun weitergehen soll.
30:08
Denn eines ist ihm sofort klar, jetzt braucht sie ihn umso mehr. Genauso, wie er früher seinen Opa und seine Oma gebraucht hat.
30:16
Das hat mich auch hart getroffen, weil er war eigentlich wie ein Vater zu mir. Ich war immer bei der Oma und Opa, das waren Eltern für mich und
30:25
Als ich da mit meiner Oma alleine war, das war schon eine harte Zeit.
30:29
Auch für meine Oma natürlich.
30:32
Rocco spürt, dass er seine Oma jetzt nicht alleine lassen kann. Und er entscheidet sich endgültig, nicht nach England zu ziehen, sondern in Heidelberg zu bleiben. Doch Rocco kennt seine Großmutter gut genug, um zu wissen, dass sie es niemals akzeptieren würde, wenn er ihretwegen in Heidelberg bleiben würde. Also spricht er nicht über seine Sorge um sie.
30:50
Stattdessen nennt er andere Gründe, die gegen England sprechen. Die Schule, seine Freunde, das Leben, das er sich in Heidelberg aufgebaut hat. Er sagt, dass er sich nicht vorstellen kann, noch einmal ganz neu anzufangen. Dass England für ihn fremd ist und Heidelberg sich nach zu Hause anfühlt. Und all das stimmt natürlich, aber es ist nicht die ganze Wahrheit.
31:08
Ja, und so habe ich Rocco auch eingeschätzt. Also, dass er die Oma in der Situation nicht verlassen will, das passt zu ihm. Klar, er hat seine Freunde, seine Schule, die vertraute Umgebung in Heidelberg. Aber in England hätte er jetzt endlich mit der Familie, also mit Mama und Schwester zusammenleben können. Und das hat er sich immer gewünscht. Und mit Ian, den er so mag und inzwischen sogar Papa nennt. Es ist eine Entscheidung, die, finde ich, viel über seinen Charakter verrät. Denn obwohl er noch jung ist, denkt er nicht an sich selbst in der Situation.
31:42
Und so bleibt Rocco bei der Oma, die er über alles liebt und die ihn braucht.
31:49
Sie hat dann doch mehr zugelassen. Wahrscheinlich auch, weil ich älter geworden bin. Ich weiß noch, sie hat mir dann mein erstes Moped gekauft. Als ich 16 war, hätte ich auch nie gedacht, ja.
32:02
Jedes Jahr reist Rocco nun einmal nach England, um seine Mutter und seine Schwester zu besuchen. Für Rocco sind diese Reisen immer ein ganz großes Abenteuer. Wenn sie dann abends zusammen am Tisch sitzen, dann wird oft stundenlang geredet und jeder hat etwas zu erzählen. Rocco berichtet aus der Schule, von seinen Freunden und von dem Leben in Heidelberg. Seine Mutter erzählt von ihrem Alltag in England, Rita von ihren Erlebnissen in ihrer neuen Klasse und Ian, der bringt die anderen immer wieder zum Lachen. Für Rocco sind diese Momente in England immer etwas ganz Besonderes.
32:33
Ja, kann ich mir richtig vorstellen und die fahren ja sogar mit Ian zusammen öfters mal nach London und das ist natürlich Ende der 70er Jahre schon was ganz Besonderes für so einen
32:43
Jungen Schüler aus Deutschland. Ja, dann schauen Sie sich die Stadt an, die Tower Bridge und den Buckingham Palace. Und Rocco weiß noch ganz genau, einmal sind sie in das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds gegangen. Also für ihn ist das alles völlig überwältigend. So viele neue Eindrücke, so viele Menschen und Dinge, die er bisher nur aus Erzählungen oder vielleicht aus dem Fernsehen kennt.
33:04
Ja, und in den Momenten fühlt es sich für ihn auch so an, als seien sie eine richtige Familie.
33:09
Der Abschied fällt allen immer schwer, sie umarmen sich dann alle noch einmal ganz fest und plötzlich ist da diese Traurigkeit, die vorher niemand so richtig wahrhaben wollte. Es fließen auch immer ein paar Tränen und Rocco möchte eigentlich gar nicht weg.
33:23
Ja, Rocco wird erwachsen. Er schließt die Schule ab und beginnt mit einer Lehre zum Maurer. Doch dann wird die Großmutter krank. Rocco ist ein junger Mann, er ist gerade mitten in der Ausbildung, aber er versucht, seine Oma zu Hause zu behalten.
33:37
Ja, und das kennen, glaube ich, viele, diese Entwicklung. Plötzlich sind die Rollen vertauscht. Also früher war sie diejenige, die sich um ihn gekümmert hat. Die hat ihm das Essen gekocht und getröstet, versorgt. Jetzt ist er es, der nach ihr schauen muss. Für einen jungen Mann um die 20 ist das schon, finde ich, bemerkenswert. Er läuft nicht weg, wenn es schwierig wird.
34:00
Dann habe ich sie zu Hause gepflegt.
34:04
Das war eine harte Zeit. Sie hat nachts immer nach dem Opa gerufen. Ja, hat mein Name gerufen, Opa sein Name gerufen. Das war eine harte Zeit.
34:16
Die Oma stirbt und zu ihrem Begräbnis reist Monika nach Heidelberg. Sie war ihren Eltern immer so eng verbunden. Die drei konnten sich blind aufeinander verlassen und nun muss sie ihre Mutter begraben. Als Monika und Rocco nach der Beerdigung zu Fuß durch den Regen zurück zur Wohnung der Oma laufen, da sehen sie sich immer wieder um.
34:38
Fast so, als würden sie erwarten, die schmale Gestalt der Oma noch irgendwo hinter sich zu sehen. Wie sie mit ihren kleinen Schritten aufholt, den Mantel eng um die Schultern gezogen. Oder wie sie ihnen vom Fenster aus nachschaut, so wie sie es unzählige Male getan hat.
34:54
Doch natürlich ist da niemand. Bevor Monika nach der Beerdigung zum Bahnhof aufbricht, um zurück nach England zu fahren, setzt sie sich noch einmal mit Rocco zusammen. Dabei erzählt sie ihm, dass es in England gerade Probleme gibt. Zu Hause läuft nicht alles so, wie es sollte. Sie und Ian müssen ihre bisherige Wohnung aufgeben und wissen noch nicht genau, wie es weitergeht. Monika versucht ruhig zu klingen, doch Rocco merkt, dass sie sich Sorgen macht. Sie verspricht ihm, sich zu melden, sobald alles geklärt ist. Rocco nickt. Doch als er seiner Mutter später nachwinkt, während sie im Regen verschwindet, da beschleicht ihn ein seltsames Gefühl.
35:31
Die Mutter schreibt noch einige Briefe. Einmal legt sie auch ein Foto bei. Es ist ein Foto von Ritas Hochzeit. Rocco hatte nicht dabei sein können. Er stand kurz vor seiner Abschlussprüfung und konnte einfach nicht nach England reisen. Und natürlich hatte ihn das sehr geärgert. Schließlich ist Rita seine Schwester. Er hätte diesen wichtigen Tag so gerne mit ihr geteilt.
35:53
Also sitzt er nun allein in der alten Wohnung seiner Oma und betrachtet dieses Foto. Rita steht da strahlend in ihrem weißen Hochzeitskleid. Neben ihr erkennt Rocco noch seine Mutter und Ian. Und ansonsten sind da viele Menschen, die Rocco noch nie gesehen hat. Wahrscheinlich die Familie des Bräutigams. Die Aufnahme ist in einem Park entstanden. Alle lachen. Die Sonne scheint. Es wirkt wie ein wundervoller, unbeschwerter Tag.
36:22
Wenige Tage später bekommt Rocco noch eine Postkarte. Er erkennt sofort die Handschrift seiner Mutter. Auf der Karte stehen ein paar kurze Zeilen, dazu die neue Adresse und eine neue Telefonnummer. Endlich, denkt Rocco. Endlich weiß er, wo seine Mutter jetzt wohnt.
36:39
Er wählt sofort die angegebene Telefonnummer, aber niemand meldet sich. Das Telefon klingelt und klingelt, dann bricht die Verbindung ab. Rocco versucht es später noch einmal und dann wieder am nächsten Tag und auch an dem darauffolgenden Tag.
36:54
Doch jedes Mal ist es genau dasselbe. Niemand hebt ab. Rocco hat nun Angst, dass hinter dem Schweigen seiner Mutter mehr steckt, dass sich irgendwo hinter dieser neuen Adresse und dieser seltsamen Telefonnummer eine Geschichte verbirgt, die er noch nicht kennt. Eine Geschichte, die mit jedem Tag rätselhafter wird.
37:13
Rocco findet nach dem Tod seiner Großeltern ein kleines möbliertes Zimmer. Rocco schreibt seiner Mutter an die Adresse, die sie ihm auf ihrer Postkarte mitgeteilt hat. Er berichtet von seinem Umzug, von seinem neuen Zimmer und davon, wie schwer ihm die Auflösung des Haushalts seiner Großmutter gefallen ist.
37:32
Und diesen Brief wirft Rocco mit einem guten Gefühl in den Briefkasten. Es hat ihm gut getan, sich alles von der Seele zu schreiben. Und er freut sich auf Antwort und stellt sich vor, wie seine Mama seinen Brief liest und ihm zurückschreibt.
37:45
Wenige Wochen später kommt Roccos Brief zurück. Rocco starrt auf den Umschlag. Er versteht nicht, was das bedeuten soll. Es ist sein eigener Brief, ungeöffnet und versehen mit dem Vermerk, dass er nicht zugestellt werden konnte.
37:57
Rocco legt den Brief zur Seite. Dann nimmt er ihn wieder in die Hand. Was ist, wenn seiner Mutter etwas zugestoßen ist? Rocco schreibt nochmal an dieselbe Adresse. Doch sein Brief kommt wieder zurück. Rocco wird nervös. Er schickt noch einen Brief und dann noch einen. Jedes Mal hofft er, dass der nächste Brief seine Mutter erreicht. Doch jedes Mal passiert dasselbe. Seine Post kommt zurück.
38:19
Inzwischen kann Rocco nicht mehr glauben, dass es sich hier nur um ein Missverständnis handelt. Schließlich beschließt Rocco selbst nachzuforschen. Er ruft bei der Deutschen Botschaft in London an und schildert seine Situation. Er hofft, dass man ihm dort weiterhelfen kann, aber die Botschaft, die kann nichts für ihn tun. Rocco geht dann zur Polizei in Heidelberg, aber die Beamten erklären ihm, dass seine Mutter eine erwachsene Frau ist und dass es keinen Hinweis auf ein Verbrechen oder einen Unglücksfall gibt.
38:45
Außerdem besteht in England keine Meldepflicht, so wie in Deutschland. Wer umzieht, der hinterlässt nicht zwangsläufig eine Spur, die die Behörden ohne weiteres nachverfolgen können.
38:55
Schließlich wendet sich Rocco sogar noch an den Suchdienst des Roten Kreuzes. Aber eine alte Adresse und eine nicht mehr erreichbare Telefonnummer, das reicht nicht aus, um eine Suche dort aufzunehmen. Es vergehen einige Jahre.
39:09
Jahre, in denen Rocco immer wieder umzieht, von einem Zimmer zum nächsten Zimmer. Er arbeitet, hat seine Freunde und seinen Alltag. Nach außen wirkt es so, als hätte er sich mit der Situation abgefunden. Aber Rocco ist in größter Sorge. Manchmal holt er die wenigen Erinnerungsstücke hervor, die ihm noch geblieben sind. Die alten Briefe seiner Mutter, das Foto von Ritas Hochzeit und die Postkarte mit der Anschrift, an der sich die Spur seiner Mutter verliert.
39:40
Schließlich fasst Rocco einen Entschluss. Wenn er in Deutschland keine Antwort bekommt, muss er selbst nach England fahren. Er nimmt sich ein paar Tage frei und reist auf die Insel.
39:50
Viel hat er nicht in der Hand, nur die Adresse, an der seine Mutter früher gewohnt hat und die Anschrift auf der Postkarte. Aber Rocco kommt in England nicht weiter. An der alten Adresse wohnt längst jemand anderes und niemand weiß hier, wohin seine Mutter gezogen ist. Auch an der neuen Anschrift kommt er nicht weiter. Seine Schwester Rita hat geheiratet, aber Rocco weiß nicht, wie sie jetzt heißt und wo sie leben könnte. Und deshalb endet die Spur hier einfach.
40:17
Es gibt in den folgenden Jahren keinen einzigen Tag, an dem Rocco nicht an seine Mutter und an seine Schwester denkt. Oft liegt er nachts wach und fragt sich, was damals passiert sein könnte. Und ob seine Mutter überhaupt noch lebt. Das ist der Gedanke, der ihm am meisten Angst macht. Denn die Jahre vergehen, ohne dass auch nur ein einziges Lebenszeichen aus England kommt. Kein Brief und kein Anruf. Immer wieder geht Rocco die letzten Kontakte mit seiner Mutter im Kopf durch. Diese Postkarte, die Telefonnummer, das Hochzeitsbild.
40:51
Er sucht nach Hinweisen, nach irgendetwas, das ihm erklären könnte, warum sie plötzlich verschwunden sind. Aber er findet nichts.
40:59
Ja, wir befinden uns jetzt Mitte und Ende der 80er Jahre. Also wenn Briefe zurückkommen und eine Telefonnummer nicht mehr funktioniert, dann ist damals eine Spur einfach zu Ende. Also es gibt kein Facebook, kein Google, kein Online-Telefonbuch, keine Datenbanken, auf die Privatpersonen zurückgreifen könnten. Wer umzieht und keine neue Adresse hinterlässt, der kann tatsächlich von einem Tag auf den anderen verschwinden.
41:27
Also, weißt du, dass Rocco seine Mutter nicht finden konnte, das finde ich irgendwie nachvollziehbar. Aber andersherum stellt sich schon die Frage, Roccos Mutter war in Heidelberg aufgewachsen, ihre Eltern hatten hier gelebt, hätte sie ihn nicht irgendwie finden müssen?
41:43
Ja, das stimmt. Also, Ich glaube, es gibt da so einen Punkt, den man schon erwähnen muss oder vielleicht so ein bisschen rausarbeiten. Distanz, also im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn. Trotz aller Innigkeit und dieser Besuche in England und so, gibt es da trotzdem eine Distanz, die sich über viele Jahre zwischen ihr und dem Sohn ja aufgebaut hat, entstanden ist. Durch die Umstände. Die haben einfach ja verschiedene Leben gelebt.
42:14
Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Rocco hatte nie bei seiner Mutter gelebt. Also als Baby mal. Ein paar Monate sozusagen. Sie war erst in Münster. Hunderte Kilometer weg. Und dann ging sie noch weiter weg nach England. Sie war nie Teil seines Alltags. Und sie wusste jetzt zum Beispiel auch nicht, Wer waren seine Freunde? Wo hat er seine Ausbildung gemacht? Oder er war immer bei, was weiß ich, Karl-Heinz in der Kneipe um die Ecke, wo sie anrufen könnte. Sie weiß gar nichts. Sonst müsste man an der Stelle wirklich sagen, ja, kann man ja gar nicht verstehen.
42:46
Aber man muss sich wirklich mal vergegenwärtigen, wie deren beider Lebenssituationen und Wege so war.
42:54
Und das macht die Geschichte aber fast noch tragischer, denn alles, was wir über Roccos Mutter, also über Monika, erfahren haben, das spricht ja dafür, dass sie Rocco wirklich unendlich geliebt hat.
43:04
Total. Wenn sie zusammen waren in ihrer Bubble, auf der Insel sozusagen, diese gemeinsamen Zeiten, ich glaube, dann war auch alles gut. Aber das Gefühl zwischen den beiden, das war, glaube ich, nie das Problem. Das Problem...
43:21
Ja, ist so eine Distanz, so ein Graben, der sich dann aufmacht, ob man das möchte oder nicht. Die räumliche Distanz, aber vor allem die Distanz, die eben entsteht, wenn man das Leben eines Menschen über Jahrzehnte eigentlich nur aus der Entfernung kennt.
43:37
Also sie wusste gar nicht, wer Rocco als junger Erwachsener eigentlich geworden ist. Sie hat seine Schulzeit nicht wirklich miterlebt, seine Freundschaften nicht, seine Ausbildung nicht. Und das haben wir ja schon oft erlebt in Geschichten, dann wird Verbindung fragil.
43:57
Und sie wusste wahrscheinlich nicht, wen sie fragen oder um Hilfe bitten könnte. Diese Verbindung, den Kontakt zwischen den beiden, das ist nicht daran zerbrochen, dass keine Liebe mehr da gewesen wäre. Sie ist daran zerbrochen, glaube ich, dass es kein gemeinsames Leben gab.
44:15
Und der Rocco, der weiß ja noch nicht mal, ob seine Mutter ihn wirklich sucht oder ob ihr was zugestoßen ist oder ob sie in Schwierigkeiten steckt oder was da überhaupt los ist.
44:25
Genau. Und ich glaube, das ist auch das Zermürbende an seiner Situation. Es ist nicht nur die Trennung, es ist vor allem diese Ungewissheit. Wenn ein Mensch bewusst sagt, ich möchte jetzt keinen Kontakt mehr, dann ist das wahrscheinlich fürchterlich schmerzhaft in so einer Situation. Aber man weiß zumindest, woran man dann ist.
44:44
Rocco dagegen lebt seit Jahren mit so einer Ungewissheit. Seine Mutter könnte vielleicht nach ihm suchen. Sie könnte jeden Tag an ihn denken. Sie könnte aber auch glauben, dass er kein Interesse mehr an ihr hat. Oder sie könnte auch gar nicht mehr in der Lage sein, Kontakt aufzunehmen, weil irgendetwas Schreckliches passiert ist.
45:05
Also einen klaren Verlust kann man vielleicht mit der Zeit verarbeiten oder er wird milder. Man kann trauern, man kann wütend sein, man kann irgendwie versuchen, seinen Frieden damit zu machen. Aber eins wissen wir, gegen Ungewissheit, da kommt man nicht gegen an.
45:24
Für Rocco ist das alles eine riesige Katastrophe.
45:28
Er arbeitet erst als Maurer, später als Lkw-Fahrer und dann verlässt er Heidelberg. Er ist Ende 20, er verliebt sich und er heiratet. Immer wieder stellt er sich vor, wie es gewesen wäre, wenn seine Mutter bei seiner Hochzeit dabei gewesen wäre, wie sie in der ersten Reihe gesessen hätte und wie stolz sie gewesen wäre, ihren Sohn als Bräutigam zu sehen.
45:49
Natürlich, ich bin oft traurig. Nach Festen, Familienfeiern, Weihnachten und so, am schlimmsten. Man hat auch den Alltag, man arbeitet und so, klar. Aber es kommt halt immer öfters, immer mehr. Da bin ich traurig. Meine Frau merkt das oft nach Feiern und so. Das geht mir schon an die Nieren. Ich brauche halt die Gewissheit, was los ist.
46:17
In den ersten Jahren hofft Rocco noch, dass es für alles eine einfache Erklärung gibt. Dass seine Mutter vielleicht umgezogen ist, dass irgendein Missverständnis vorliegt. Dass der Kontakt irgendwann vielleicht doch wieder zustande kommt. Doch aus Monaten werden Jahre und irgendwann sind Jahrzehnte vergangen. Und zwar drei Jahrzehnte.
46:35
30 Jahre, unglaublich. Und je mehr Zeit vergangen ist, desto unwirklicher wird für ihn ja auch die ganze Geschichte. Es ist fast so, als hätten sich seine Mutter und seine Schwester einfach in Luft aufgelöst. Nach 30 Jahren ist Rocco genauso ratlos wie an dem Tag, an dem der erste Brief als unzustellbar zurückkam. Sind seine Mutter und Rita freiwillig verschwunden? Ist ihnen etwas zugestoßen? Oder gibt es eine ganz andere Erklärung?
47:03
Diese Fragen quälen ihn schon sein ganzes Erwachsenenleben.
47:07
Rocco lebt schon lange nicht mehr in Heidelberg und er ist jetzt in zweiter Ehe verheiratet. Seine Frau merkt natürlich, wie ihn die Ungewissheit immer noch quält und sie drängt ihn, sich an dich zu wenden. Für Rocco ist das ein riesiger Schritt, aber dann entschließt er sich doch, dir zu schreiben. Er wendet sich an dich in der Hoffnung, dass du das Rätsel um das Verschwinden seiner Mutter Monika und seiner Schwester Rita nach all den Jahren lösen kannst.
47:33
Das fehlt einfach. Dass man mal die Gewissheit hat, was ist los? Es ist nie etwas vorgefallen, was jetzt zum Bruch der Familie hätte führen können. Ich denke, das ist die wichtigste Frage in meinem Leben. Weil eine wichtigere Frage gibt es nicht. Meine Mutter hat mich geboren, meine Schwester. Wir waren immer eng zusammen. Ich würde mir wünschen, dass ich sie wieder sehe, in den Arm nehme.
47:59
Ja, und ich finde, wenn man Ihnen das selber sagen hört, braucht man keine Erklärung mehr. Man spürt einfach, wie groß seine Sehnsucht ist. Aber wir hatten für diese Suche nicht viel. Also jemanden in England zu finden, dazu kann ich nur sagen, es gehört wirklich mit zu den schwierigsten Ländern, was Suche angeht. Die Behörden können nicht helfen. Es gibt keine Meldepflicht. Wenn jemand keine Spuren hinterlassen will oder einfach nur auf den Wohnort wechselt, kann er praktisch von der Bildfläche verschwinden.
48:30
Das ist das Problem.
48:32
Ich habe mich aber nichtsdestotrotz natürlich auf den Weg nach England gemacht. Aber die Versuche, etwas über Rokos Mutter und die Schwester herauszufinden, die sind ins Leere gelaufen. Diese Suche, die erschien aussichtslos.
48:46
Aber dann taucht plötzlich eine winzige Spur auf. Ein Detail, das völlig unscheinbar ist und das immer übersehen wurde. Zum ersten Mal seit 30 Jahren gibt es einen Hinweis. Und damit die Hoffnung, dass das Rätsel um das Verschwinden von Rokos Familie vielleicht doch noch gelöst werden kann.
49:05
Ich bin nach England geflogen und meine erste Station war die alte Adresse, die Rocco mir genannt hatte.
49:12
Doch dort wusste niemand etwas. Auch an der zweiten Adresse, die Rockos Mutter auf der Postkarte angegeben hatte, konnte mir keiner weiterhelfen.
49:20
Ich fuhr nach London zur deutschen Botschaft. Rocko hatte dort schon vor vielen Jahren nach seiner Mutter gesucht. Vielleicht gab es inzwischen neue Unterlagen oder einen Hinweis, den man damals übersehen hatte. Aber auch dort konnte man mir nicht helfen. Ich war ratlos.
49:36
Dann habe ich mir nochmal alles angesehen, was Rocco mir mitgegeben hatte. Alte Dokumente, alte Familienfotos und diese Postkarte. Ich ging alles durch. Irgendwo musste etwas sein. Ein Detail, das Rocco vielleicht übersehen hatte. Ein Name, der keine Bedeutung zu haben schien. Eine Adresse, ein Fehler, irgendetwas. Ich habe die einzelnen Fotos miteinander verglichen und dann fiel mir etwas auf.
50:02
Ich nahm das Hochzeitsfoto von Rita noch einmal zur Hand. Das Brautpaar und die Gäste standen in einem kleinen Park. Im Hintergrund ragte ein Kirchturm über die Bäume. Ich sah mir den Turm genau an. Seine Form, die Fenster, die kleine Spitze.
50:19
Wenn Rita dort geheiratet hatte, musste die Kirche irgendwo in der Nähe ihres damaligen Wohnortes liegen. Ich wusste ja, wo Monika und Rita zu diesem Zeitpunkt gelebt hatten. Das war noch vor Monikas Umzug gewesen. Plötzlich hatte ich wieder eine Spur und ich fuhr in diese Stadt und machte dort mit der Suche weiter.
50:40
Ich bin dann von Kirche zu Kirche gefahren und habe die Türme mit dem Foto verglichen. Manche waren sofort auszuschließen, andere kamen für einen Moment in Frage, doch bei genauerem Hinsehen passte wieder ein Detail nicht. Es dauerte Stunden. Dann bog ich um die Ecke und vor mir erhob sich ein Kirchturm. Ich nahm das alte Foto aus meiner Tasche und hielt es hoch. Die Fenster, die Spitze, die Linien des Turms. Alles passte. Ich sah mich um. Der kleine Park war noch da. Zwar hatte sich vieles verändert, doch plötzlich konnte ich mir vorstellen, wie es hier vor über 30 Jahren ausgesehen hatte.
51:16
Ich stand genau an dem Ort, an dem dieses Foto aufgenommen worden war. Hier hatte Rita geheiratet.
51:23
Ich bin dann in die Kirche hineingegangen und dort konnte mir eine Mitarbeiterin tatsächlich weiterhelfen. Und so verließ ich diese Kirche mit einem Namen. Dem Namen von Ritas Ehemann. Ja, und dann ging alles ganz schnell. Ich habe ihn auf seiner Arbeitsstelle gefunden und er hat mich zu Rita gebracht. Ich hatte Roccos Schwester gefunden.
51:49
Krass, das gibt's nicht. Ja, ich liebe alte Fotos.
51:54
Du hast dann mit Rita gesprochen.
51:56
Wie hat sie reagiert?
51:58
Die war überwältigt. Die konnte es gar nicht glauben, dass Rocco nach ihr und der Mutter gesucht hatte. Ja und warum haben sich Monika und sie nie bei Rocco gemeldet? Weil sie auch nicht wussten, wo Rocco ist, wie sie ihn finden könnten. Sie hatten keine Adresse von ihm. Unter der alten Anschrift, also wo er ja mit den Großeltern noch gelebt hatte, da war er nicht mehr. Und sein Brief, in dem er ihnen mitgeteilt hatte, dass er umzieht, der ist bei ihnen nie angekommen. Das war's. Haben wir ja verifiziert, wir haben ja gesehen, dass er unzustellbar war.
52:31
Diese zwei Umzüge, die anscheinend wirklich fast parallel gelaufen sind, die haben im Grunde den Kontakt für immer unterbrochen. Also kann man sich in Zeiten von Instagram und Social Media eigentlich nicht mehr vorstellen.
52:48
Und haben die beiden denn versucht, Rocco zu finden? Ja, natürlich. Die sind immer wieder sogar nach Heidelberg gefahren, um nach Rocco zu suchen, also vor Ort. Im Grunde, so wie ich es ja auch oft mache, sind stundenlang da durch die Straßen gelaufen, in der Hoffnung, dass sie ihn zufällig treffen würden. Haben da die alten Nachbarn befragt, alte Bekannte. Ja, und niemand wusste irgendwas. Familie gab es keine, das wissen wir ja schon. Genau, und das haben wir auch besprochen, Freunde oder so, das kannte die Mutter eben nicht. Keine Anhaltspunkte oder irgendwas von der Arbeitsstelle.
53:21
Es gab also für diese Mutter keinen wirklichen Anhaltspunkt. Und da komme ich nochmal auf das zurück, weil ich finde das ganz wichtig, weil natürlich an dem Punkt oft auch Kritik von Hörern oder sonst in der Sendung auch von Zusehern kommt, ja, aber da hätte man doch, man hätte doch.
53:42
Ich glaube, das lässt sich relativ klar benennen. Vielleicht war dieses Verhältnis zu Rocco einfach zu fragil. Ich mag den Begriff in dem Zusammenhang. Der kommt mir da oft in den Sinn. Etwas ist schon eigentlich von Anfang an sehr zerbrechlich. Und dann braucht es nur noch eine Kleinigkeit. Und dann zerbricht es ganz, ob man es möchte oder nicht.
54:08
Also sie waren zu distanziert im räumlichen Sinn.
54:12
Und sie konnten nirgends anknüpfen. Sie haben es über die Behörden probiert, aber man muss sagen, die Behörden können auch nicht zaubern und sie haben auch keine Auskunft bekommen. Und sag mal, was war mit Monikas Adresse?
54:25
Sie wollte ja damals umziehen und das hatte sie ja auch Rocco auf der Postkarte mitgeteilt, diese neue Anschrift.
54:32
Genau. Der dritte Umzug sozusagen und der kam aber nie zustande. Also es gab da große Probleme und Monika ist nie in diese Wohnung eingezogen, aber ihre nächste Adresse konnte sie dann Rocco nicht mehr mitteilen, weil sie hatte ja wiederum seine Briefe mit der neuen Adresse nicht mehr erhalten.
54:51
Also im Grunde haben am Ende zwei Schriftstücke über das Schicksal dieser Familie entschieden. Ein Brief und eine Postkarte.
54:58
Ja, klingt fast unglaublich, aber genau so war es. Wir konnten das ja wunderbar nachverfolgen. Rokos Brief kommt nie bei seiner Mutter an und die Adresse auf Monikas Postkarte wird hinfällig, weil der Umzug platzt und sie dort niemals einzieht. Und das Gleiche betraf logischerweise parallel dazu die Telefonnummern.
55:20
Also heute nimmst du eine Handynummer mit. Ich habe meine Nummer seit 15 Jahren nicht mehr geändert. Es war einfach noch eine andere Zeit, obwohl es gar nicht so lange her ist.
55:33
Ja, es ist total tragisch. Es ist eine Verkettung von unglücklichen Umständen und am Ende sind sie 30 Jahre getrennt. Ja.
55:42
Ich habe dann natürlich Roccos Schwester nach der Mama gefragt, nach der Mutter. Und ich war so erleichtert, als Rita mir dann gesagt hat, dass sie am Leben ist und dass es ihr gut geht.
55:55
Ich kann es kaum glauben. Das macht mich so glücklich. Wenn sie traurig ist, was sehr häufig der Fall ist, ist sie es, weil sie ihn so sehr vermisst.
56:06
Sie dachte immer, dass er sie nicht sehen will und dass er wütend auf sie ist.
56:13
Ich habe mich dann natürlich so schnell, wie es ging, mit Roccos Mutter getroffen. Und sie hat jahrzehntelang nicht gewusst, was aus ihrem Sohn geworden ist. Ob es ihm gut geht, ob er gesund ist oder auch ob er vielleicht böse ist oder ob was Schreckliches passiert ist. Im Grunde die gleichen Gedanken, die auch Rocco hatte.
56:32
Stell dir das vor, du verlierst den Kontakt zu deinem Kind nicht für ein paar Wochen oder Monate, sondern dann für 30 Jahre. Und in dem Fall natürlich hat sie sich auch die Schuld gegeben, weil egal wie die Umstände waren, sie ist ja diejenige, die sozusagen an irgendeinem Punkt von ihrem Kind weggegangen ist, auch zweimal. Sie musste das zwar.
56:53
Und in England hat sie sich dann verliebt. Sie wollte zwar, dass er mitkommt, aber all das schwingt ja in dir mit. Du hast die Ungewissheit und du fühlst dich schuldig. Das alles war natürlich ein sehr emotionaler Moment.
57:10
Ja, jeden Tag. Ich hatte ihm einen Brief geschrieben, aber er kam ungeöffnet zurück. Ich hätte ihn niemals verlassen dürfen.
57:21
Ich kann es gar nicht fassen, dass er mich liebt.
57:28
Ja, Roccos Mutter und seine Schwester haben dann eine Nachricht an Rocco geschickt.
57:33
Hallo Rocco, ich bin so froh, dass du uns gesucht hast. Wir sind so glücklich und ich liebe dich.
57:43
Ich habe dich so vermisst. Bis bald Rocco. Ich liebe dich.
57:50
Ja, wir haben später erfahren, dass Rockos Mutter viele, viele Jahre in Behandlung war, weil sie so unter der Trennung von Rocko gelitten hat. Und zeitweise ist es ihr so schlecht gegangen, dass sie Medikamente nehmen musste und zwar Beruhigungstabletten und später auch Antidepressiva.
58:05
Also die Sorge um Rocko und die Schuldgefühle haben sie nie losgelassen. Aber seit dem Tag, an dem sie von dir gehört hat, dass Rocko lebt, dass es ihm gut geht und dass er all die Jahre nach ihr gesucht hat, seit dem Tag hat sie keine einzige Tablette mehr genommen. So schön.
58:21
Ich habe beide sozusagen eingepackt und natürlich mit nach Deutschland genommen. Rocco wusste von alledem nichts. Er ahnte nicht, dass die Suche nach seiner Mama und seiner Schwester erfolgreich gewesen war. Und dann kam der Moment, auf den drei Menschen 30 Jahre lang gewartet hatten.
58:44
Oh Gott. Oh Gott.
58:51
Es ist lange nicht auf.
58:52
Es ist lange nicht auf.
58:54
Es ist lange nicht.
59:04
Ich liebe es, dass man die Küsse Schmatzer hört die ganze Zeit.
59:07
Das liebe ich so sehr. Nach dem ersten Treffen hat Monika ihren Sohn dann zu einer Reise eingeladen. Sie hat gesagt, du hast 30 Jahre lang keine Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke von mir bekommen und deswegen möchte ich dir jetzt diese Reise schenken. Die beiden haben natürlich tagelang geredet. Sie haben sich alles erzählt, was da so in den 30 vergangenen Jahren in ihrem Leben jeweils geschehen ist.
59:31
Heute schreiben sich Rocco, Rita und ihre Mutter jeden Tag Textnachrichten. Sie telefonieren, sie wünschen sich guten Morgen und gute Nacht und sie sehen sich ganz regelmäßig und ich bin mir 100% sicher, dass sie sich nie mehr verlieren werden. Es gibt viele Umstände, die eine Familie auseinanderreißen können. Und nach mehr als 20 Jahren auf der Suche nach verschwundenen Menschen, glaube ich, kann ich sagen, oft steckt dahinter gar kein großes Geheimnis oder eine spektakuläre Verschwörung.
60:06
Viel häufiger sind es dann die unglücklichen Entscheidungen. Es gibt Missverständnisse, Schicksalsschläge.
60:14
Und vor allem auch einfach schlechte Zufälle, die sich über Jahre und Jahrzehnte zu einer Tragödie auswachsen können.
60:24
Aber heute, Gott sei Dank, mit einem wirklichen Happy End. Und das freut mich sehr, Silvi. Ja. Sehr schön. Passt auch gut zur hundertsten Folge, oder? Perfekt. Alles andere wäre heute nicht richtig gewesen. Ich danke dir ganz dolle fürs Miterzählen, Silvi. Ich danke dir auch, Julia. Ich danke euch nochmal für eure Treue. Bleibt uns weiterhin gewogen.
60:45
Wenn ihr uns schreiben möchtet, dann unter info at spurlospodcast.de und alle weiteren Informationen findet ihr in den Shownotes.
60:54
Danke an euch fürs Zuhören. Bis ganz bald und passt aufeinander auf. Jetzt kommt Werbung.
61:24
Der 7-1-Audio-Podcast-Tipp.
61:26
Was? Hat da jemand gerade wetten, dass? Wer stiehlt mir die Show und die deutschsprachige Synchro vom Disney-Film Wish gesagt?
61:33
Hazel, niemand hat das gesagt. Das hier ist ein Trailer für einen Podcast.
61:36
Du meinst den super erfolgreichen Podcast, wo ich auch noch mitmache?
61:40
Also ich würde ja den Trailer so anfangen. Wir sind Hazel Brugger und Thomas Spitzer. Wir sind Comedians, verheiratet, haben ein Kind und mentale Probleme.
61:49
Und wann darf ich dann über meine anderen Projekte reden?
61:52
Das Hazel-Thomas-Hörerlebnis erscheint jeden Montag überall, wo es Podcasts gibt.
61:57
Ganz ehrlich, in Deutschland habe ich medientechnisch abgegrast. Was geht? Next Stop Hollywood.
62:02
Hahaha.
62:03
Das Hahahaha steht für Hazel, Hazel, Hazel.
62:06
So, und jetzt nochmal beide zusammen. Hazel-Thomas-Hörerlebnis. Jeden Montag überall, wo es Podcasts gibt. Chips Cola.
62:17
Werbung zu Ende.